WEGE ZUR INDUSTRIEKULTUR – der Mannheimer Industriehafen

48 %
52 %
Information about WEGE ZUR INDUSTRIEKULTUR – der Mannheimer Industriehafen
Government & Nonprofit

Published on October 13, 2014

Author: LutzWalzel

Source: slideshare.net

Description

MANNHEIMS ERSTER WEG ZURINDUSTRIEKULTUR

Der Industriehafen, vor mehr als 100 Jahren gebaut, war für Mannheims Wirtschaft und die Entwicklung der Stadt eine Initialzündung. Dutzende Unternehmen zogen in den Hafen, viele mit internationalem Ruf. Für die Entfaltung Mannheims als selbstbewusste Arbeiter und Industriestadt gehen von hier viele Impulse aus. Spektakuläre Bauten der Gründerzeit, des Jugendstilsund der neuen Sachlichkeit stehen hier, dazwischen industrielle Neubauten. Im Industriehafen kann man den Wandel der Technik und des Arbeitslebens hautnah erleben. Besonders tragisch ist das Schicksal der vielen jüdischen Unternehmer, die während der Nazizeit enteignet wurden, ihre Heimat verlassen mussten oder in Konzentrationslagern umgebracht wurden.

In Entwicklung befindet sich der Industriehafen noch immer: Neben alteingesessener Industrie gründen sich agile Start-Up-Unternehmen, kleine Handwerksbetriebe behaupten sich neben Weltfirmen. Kioske, Ateliers, Discotheken, Sporthallen, die Flüchtlingsaufnahmestelle und ein Hotel sind hier zu finden. Manche Gebäude werden liebevollrestauriert, andernorts wütet die Abrissbirne.

Mit Begeisterung haben im Oktober 2013 alle Fraktionen des Mannheimer Gemeinderats unsere Vorstellung für die Beschilderung eines Weges um den Industriehafen aufgenommen und entsprechende Mittel bewilligt. Mit Mannheims erstem Rundweg zur Industriekultur hat die Stadt eine neue Attraktion für Einheimische und Touristen. Der Weg wurde am 7. September 2014 eröffnet.

1. DER MANNHEIMER INDUSTRIEHAFEN Rhein-Neckar-Industriekultur e.V.

2. –1– In Kooperation mit dem Stadtarchiv, dem Kulturamt und dem Büro für Gestaltung G710 hat der Verein Rhein-Neckar- Industrie kultur (RNIK) 31 Informa tions tafeln und Panoramen gestaltet. Ob zu Fuß, per Rad oder mit dem Auto – auf dem Rund weg erfährt man alles Wissenswerte über die Firmen und die Menschen, die hier gearbeitet haben und die jetzt hier tätig sind. Es geht um markante Industriegebäude, um bekannte Produkte, um Erfindungen, Entwick lun - gen und Arbeits be - dingungen. Jede Tafel hält ausführliche Informa - tionen und zahlreiche interessante Fotos bereit. Ein Lageplan erleichtert die Orientierung, und Ent - fer nungs angaben geben Aus kunft darüber, wie viele Meter es bis zum nächsten Info-Punkt sind. Auch auf Englisch gibt es die Informationen zu den Objekten. Über einen QR-Code gelangt man direkt auf die Objekt - beschreibung auf unserer Webseite www.rhein-neckar- industrie kultur.de. Dort sind jeweils weiter - gehende Informationen verfügbar sowie ein Link auf die englische Version. MANNHEIMS ERSTER WEG ZUR INDUSTRIEKULTUR Der Industriehafen, vor mehr als 100 Jahren gebaut, war für Mann-heims Wirtschaft und die Entwicklung der Stadt eine Initia lzündung. Dutzende Unternehmen zogen in den Hafen, viele mit inter-nationalem Ruf. Für die Entfaltung Mannheims als selbstbewusste Arbeiter-und Industrie stadt gehen von hier viele Impulse aus. Spektakuläre Bauten der Gründerzeit, des Jugend-stils und der neuen Sach-lichkeit stehen hier, dazwischen industrielle Neubauten. Im Industrie-hafen kann man den Wan-del der Technik und des Arbeits lebens hautnah er-leben. Besonders tragisch ist das Schicksal der vie-len jüdischen Unterneh-mer, die während der Nazizeit enteignet wurden, ihre Heimat verlassen mussten oder in Konzen - tra tionslagern umgebracht wurden. In Entwicklung befindet sich der Industrie-hafen noch immer: Neben alteingesessener Industrie gründen sich agile Start- Up-Unter nehmen, kleine Handwerksbetriebe be-haupten sich neben Welt-firmen. Kioske, Ateliers, Discotheken, Sporthallen, die Flüchtlings auf nahme - stelle und ein Hotel sind hier zu finden. Manche Gebäude werden liebevoll restauriert, andernorts wütet die Abrissbirne. Mit Begeisterung haben im Oktober 2013 alle Fraktionen des Mann-heimer Gemeinderats un-sere Vorstellung für die Beschilderung eines Weges um den Industrie-hafen aufgenommen und entsprechende Mittel bewilligt. Mit Mannheims erstem Rundweg zur Industrie kultur hat die Stadt eine neue Attraktion für Einheimische und Tou-risten. Der Weg wurde am 7. September 2014 eröffnet.

3. PLANUNG Erste umfängliche Pläne sehen einen Indus-triehafen INDUSTRIEHAFEN –2– –3– Der Mannheimer Hafen gehört zu den bedeutenden Binnenhäfen in Europa und ist flächenmäßig der größte in Deutschland. Er gliedert sich in den Handels-, Rheinau-, Altrhein- und In-dustriehafen. Zum größten Teil ist er in der Hand der Staatlichen Rhein- Neckar-Hafengesellschaft. Allein der Industriehafen befindet sich seit sei-ner Gründung im Eigentum der Stadt. Als nach Inkrafttreten der Mannhei-mer Schifffahrtsakte 1868 der Rhein als internationaler Schifffahrtsweg frei befahrbar wird, entwickelt sich Mann heim zum zentralen Handels-platz in Süddeutschland. Die Stadt wächst enorm und mit ihr die Indus-trie. Die Betriebe brauchen Anschluss an das Straßen-, Bahn- und Wasser-netz. Vor allem wollen sie die Grundstücke kaufen – nicht nur pachten, wie im staatlichen Hafen üblich. Das Gebiet außerhalb der Stadt an der Altrhein-schleife ist für den Bau eines Indus-triehafens ideal. Doch der Staat Baden weigert sich zunächst. 1895 entschließt sich die Stadt unter Ober-bürgermeister Otto Beck, das Projekt selbst in die Hand zu nehmen. Der Staat stellt Gelände zur Verfü-gung, baggert die Fahrrinnen aus, er-richtet eine Schleusenanlage und den Eisenbahnzubringer. Die Stadt baut die Ufer und Stichbecken aus und stellt die Infrastruktur her: Straßen, Brücken, Kanalisation, Stromversor-gung, Hafen- und Straßenbahn. Kos-ten insgesamt 8,5 Millionen Mark, allein für die Stadt fast 6,5 Millionen, damals eine unglaublich hohe Summe. P1 mit Hafenbecken bis tief in die noch kaum besiedelte Neckarstadt vor. Sogar der tatsächlich ausgeführte Plan sieht Erweite-rungen im östlichen Bereich der Friesen - heimer Insel vor, die so nicht umgesetzt sind. BILFINGER Zentralwerkstatt des Tief-bauunternehmens Bilfinger, ehemals Grün & Bilfinger. Das Tiefbauunternehmen hat das westliche Ufer des Industriehafens ausgebaut. DIE DORDRECHT Der Mannheimer Segler-verein hat den Rhein-dampfer Dordrecht aus dem Jahr 1924 vor der Verschrottung gerettet und zum Vereinsheim umgebaut. FRANZOSENKAI Wie an einer Kette reihen sich die imposanten Mühlengebäude den Franzosenkai entlang: Öl-mühle Bunge, Pfalzmühle, Mühle der GEG, Club-Kraftfutterwerke und Hildebrand Mühle. Die Benennung des Kais erinnert an das Aufein - andertreffen preußischer, russischer und napo-leonischerTruppen im Jahr 1814. ALTRHEIN Traditionsreiche Industriebetriebe, wie die Zellstoff-Fabrik, der Chemiebetrieb Boehringer und die Spiegelglasfabrik, las-sen sich schon vor der Entstehung des In-dustriehafens am Hochufer des Altrheins nieder. Panorama auf der Diffenébrücke Von der Stadt kommend die zweite Ausbuchtung nach der Brücke

4. DIFFENÉBRÜCKE –4– –5– Es ist ein spektakulärer Anblick, wenn sich die roten Köpfe senken und sich die beiden Brückenteile für Straße und Schiene langsam aufrich-ten, um ein Schiff passieren zu las-sen. Die Klapp brücken sind aus Stahl und jeweils 28 Meter lang; sie werden per Fernbedienung von drei Elektro - mo toren mit 120 PS Leistung um einen Winkel von 82 Grad hoch - geklappt. Von der Brücken kanzel wird die Klappfunktion nur im Notfall bedient. An der Stelle der Waagebalkenbrü-cke befand sich vor 1987 eine Dreh - brücke, die 1902/03 von der Firma Grün und Bilfinger und der Brücken-bauanstalt der MAN in Mainz -Gus - tavs burg als stählerne Fachwerk - konstruktion erbaut worden war. Nach insgesamt 15 000 Drehungen ist die alte Brücke dem zunehmen - dem Schwerlastverkehr und den Straßenbahnen (diese von 1912 – 1956) nicht mehr gewachsen. Die neue Straßenbrücke wird höher gelegt, um häufige Brückenöffnungen zu vermeiden. Heute wird die Brücke fast nur noch bei hohem Wasser-stand für den Schiffsverkehr geöffnet. Ein Sandsteinpylon aus dem Jahr 1907 ist erhalten. Er steht jetzt seit-lich der Brücke Richtung Waldhof - becken. Eine Inschrift ehrt den Initiator des Industriehafens, Ober - bürger meister Otto Beck, und den Er-bauer, Stadtbaurat Moritz Eisenlohr. Der Namenspatron der Brücke ist Philipp Diffené (1833 – 1903). Er war Präsident der Handelskammer und setzte sich stark für den Bau des In-dustriehafens ein. DER INDUSTRIEHAFEN Foto Mitte der 1920er Jahre vom Wasserturm Luzenberg aus. Links die Industriestraße, unten das Waldhofbecken, die ursprüngliche Drehbrü-cke, die Bastion und davor ein Flussschwimm-bad, am Horizont die BASF. WASSERTURM An den von 1909 bis 1979 betriebenen Was-serturm wird 1914 die Luzenberg-Schule an-gebaut. Auf der Platt-form neben der Brücke steht ein Pylon mit einer Erinnerungstafel an die Einweihung des Hafens. DIFFENÉBRÜCKE Seit 1987 ist die neue Diffené-brücke in Betrieb. Ihre mäch-tigen roten Ausleger zum Anheben der Brücke sind das Wahrzeichen des modernen Industriehafens. ALTRHEIN Niederlassung der französischen Firma Saint-Gobain Glass (1853), der größte Gussglasproduzent Europas. Links kön-nen Schiffe mit Sand für die Produktion entladen werden. SCHUMACHER Das Unternehmen des bekannten Modelabels hat die Werkshallen der ehemaligen Kartonagen-fabrik Hirschland (1908) und Spangenberg Ma-schinenbau (1904) im Jahr 1998 umbauen lassen. RUSSENKAI Das gesamte stadtseitige Ufer wird ur-sprünglich Russenkai genannt, denn preußische und russische Truppen hat-ten 1814 die napoleonischen Truppen über den Rhein vertrieben. Erkennbar sind Polat-Bau, Salzkontor, Corniche, Hafenpark, Hutchinson. P2 Panorama auf der Diffenébrücke Von der Stadt kommend die zweite Ausbuchtung nach der Brücke

5. 01 PFLANZENBUTTER FÜR KOSCHERES ESSEN BRILLUX –6– –7– 01 04 05 02 03 01 Foto von 1927: Auf dem Schornstein steht zwar immer noch Fruchtin, jedoch ist die Fabrik bereits an einen bekannten Schmierstoffhersteller vermietet: Oelwerke Stern-Sonnenborn AG steht nun auf der Fassade zur Brücke. 02 Foto aus den 1960er Jahren: Im Hof sind mo-derne Produktionshallen der Firma Güntoplast zu sehen. Da das Unternehmen brandgefährdet ist, steht groß am Eingang: Rauchen polizeilich verboten. 03 Foto von 1982: Jetzt ist auch die Maler-Einkaufs-genossenschaft MEG ansässig. Die Fassaden wer-den erst 1985 durch Brillux weiß getüncht. 04 Der alte hölzerne Dachstuhl und die Oberlichter sind noch erhalten. Die Gebäude bieten Platz für die reiche Produktpalette. Brillux ist Hersteller und Marktführer als Direktanbieter und Vollsortimenter im Lack- und Farbenbereich. 05 Vom Hafen aus gesehen, verschmilzt das Anwe-sen von Brillux optisch mit dem Wasserturm und dem Schulgebäude von Luzenberg. Rundbogenfenster und Treppengiebel – die Gebäude erinnern eher an einen Gutshof als eine Fabrik. Um 1908 gründen hier die Söhne von A. Kauf - mann aus Weinheim eine Pflanzen - butterfabrik und Öl-Raffinerie. Auf dem hohen Schornstein steht mit großer Schrift Fruchtin – der Name des Bratfetts, das schon seit 1900 in Weinheim produziert wird. Dort wird es unter der Aufsicht eines Rabbiners aus Kokosfett koscher hergestellt und ist – so die Annonce in einer jüdisch-orthodoxen Zeitschrift – für jeden rituell geführten Haushalt unent - behrlich. 1911 kann die Mannheimer Firma A. Kaufmann Söhne auf 10 inter - nationale Goldmedaillen stolz sein, die sie für ihre Pflanzenbutter und Tafelöle erhält. Doch zur gleichen Zeit zieht Konkurrenz ans andere Ende des Industriehafens: die Margarine - fabrik Estol, die ebenfalls Kokosfett (Palmin) herstellt. Bereits Mitte der 1920er Jahre stellt die Fruchtin-Fabrik den Betrieb ein. Die Familie Kaufmann vermietet das Anwesen u. a. an die Mabeg – Mann - heimer Asphalt- und Betongesell - schaft. 1934 muss Kaufmann im Zuge der „Arisierung” das Grundstück ver - kaufen: Herrmann Günther erwirbt es für seine Güntoplast, Lack- und Far - benfabrik. Auch die Maler einkaufs - genossenschaft siedelt sich hier an. 1985 übernimmt das traditionsreiche Familienunternehmen Brillux aus Münster die Gebäude. In seiner Mannheimer Niederlassung steht Malern und Lackierern ein Voll - sortiment von mehr als 12 000 Produkten zur Verfügung. Diffenéstraße 11-13 Standort der Tafel ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite, auf Höhe der Musikinsel, Diffenéstraße 10

6. Der Zimmermann Peter Dostmann errichtet 1901 sein Wohn- und Ge - schäftshaus als gebauten Katalog seines handwerklichen Könnens. So entsteht mitten im Industriegebiet eine stattliche Villa mit Zierfachwerk, geschweiften Giebeln, Türmchen und Erkern. Die Zimmerei, Schreinerei und Glaserei, bereits 1862 in Mann - heim gegründet, hat 60 Beschäftigte, die an elektrisch betriebenen Band-und Kreissägen, Hobel und Fräs - maschinen arbeiten. Auf 3 000 qm erstrecken sich Werkstattgebäude und Schuppen zum Trockenlagern der Hölzer. Nach dem Ersten Weltkrieg baut Dostmann in der Friesenheimer Straße 26 eine Holzwollefabrik. Seine Söhne, darunter der Baumeister Willy Industriestraße 60 –8– –9– Dostmann, eröffnen eine Nieder - lassung für ihr Holzbau geschäft mit Lager in der Friesenheimer Straße 21. In den 1950er Jahren konzentrieren sich die Zimmerleute auf Hallen - bauten und betreiben eine Kisten - fabrik. Mit Frank Dostmann hat sich die heutige Generation auf Gerüstbau verlegt, als Spezialist für Kirchturm-, Hochhaus- und Industriegerüstbau, ansässig jetzt in der Industrie - straße 2. Das heute unter Denkmalschutz stehende schöne Fachwerkhaus hat schon seit Anfang der 1930er Jahre mehrere andere Nutzer gefunden. Seit den 1980er Jahren wird hier Metall recycelt und gehandelt. 01 04 05 02 03 KATALOG DES ZIMMERMANNS FACHWERKVILLA 01 Inmitten des Industriegebiets fällt das Fachwerk-haus schon um 1909 auf, als das Foto vom Luzen-berg- Wasserturm aus entsteht. Auf der Fläche hinter Dostmann sind die Süddeutschen Kabelwerke und das Strebelwerk (Heizungsbau) erkennbar. 02 Das niedrigere der beiden Häuser an der Ecke Friesenheimer Straße/Diffenéstraße ist Anfang der 1920er Jahre für eine Holzwollefabrik von Dostmann gebaut worden, die er nach wenigen Jahren ver-kaufte. Das Haus hat seither viele unterschiedliche Nutzungen erfahren. 03 Werbung von 1922: Die Werbegrafik zeigt das Anwesen in der Friesenheimer Straße 16. Heute ge-hört es zum Gelände von Fuchs-Petrolub. Auch hier stand lange Zeit ein Dostmann-typisches Fachwerk-haus. 04 Ein bis heute gut erhaltenes Beispiel gediegener Zimmermannsarbeit ist das Treppenhaus im Inneren des Geschäftshauses. 05 Über 100 Jahre Wind, Wetter und besonders die Industrie(ab)luft haben dem Holzgebälk stark zuge-setzt 02

7. Lagerhaus steht auf diesem impo - santen Eckgebäude, heute bekannt als ein Veranstaltungshaus. Das schmucke Backsteinhaus gehörte zur Kaffeerösterei und Malz kaffeefabrik von Valentin Knieriem. Er baut 1906 am Ende der Industrie straße zu - nächst nur flache Produktions - gebäude. Erst später nutzt er das gesamte Grundstück und baut das spitz zulaufende, hohe Haus. Ein großer Lastenaufzug ist dort ange - bracht, wo heute das moderne Treppenhaus steht. Knieriem stellt u. a. Pyra-Malzkaffee her, den er als vorzüglichen Volks- Kaffee-Ersatz von hohem Nährwert bewirbt, Muckefuck sagt man auch dazu, von mocca faux, französisch für falschen Kaffee. Die Firma gehört zur Rheinischen Getreidekaffee- Gesellschaft, die in Nierstein, Ander - nach, Gernsheim und sogar in Berlin in bereits bestehenden Mälzereien weitere Produktions anlagen unter - hält. Knieriems Witwe führt den Betrieb Anfang der 1930er Jahre Industriestraße 53 a noch einige Jahre weiter. Bis zum Kriegsende setzt die Firma Andreae & Co die Pyra-Malzkaffee-Produktion fort. Dann ziehen hier Betriebe unterschiedlicher Gewerbe ein. Das herabgewirtschaftete Gebäude ist fast nur noch eine Ruine, als es 1996 für die Umnutzung zum Veran stal - tungs haus saniert wird. Das schafft Platz für lichtdurchflutete Büros, eine Tanzschule, Bar mit Jazzclub und Diskothek. Von 1996 bis 2004 ist das Lagerhaus der Treff punkt für viele Kultur schaffende. Hier werden die Pläne für die Mannheimer Popaka de - mie geschmiedet. Heute können die Räumlichkeiten für private Veran stal - tungen gemietet werden. MUCKEFUCK UND KAFFEERÖSTEREI LAGERHAUS –10– –11– 03 01 03 04 02 01 Foto um 1910: Das nur teilweise bebaute Grund - stück von Valentin Knieriem liegt an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt: Die Hafenbahn läuft rechts nahe am Grundstück entlang, die Straßenbahn endet links. Hunderte von Arbeiter steigen hier aus, um in das nahe Strebelwerk und die Süddeutschen Kabelwerke zu gelangen. Weitere Schienen kreuzen hier die Straßen zur Diffené-Brücke und zum Wald-hofbecken. 02 Foto aus den 1920er Jahren: Die gefährliche Kreuzung ist entschärft worden. Das neu gebaute dreistöckige Haus bietet mit seinen großen Fenstern viel lichtdurchfluteten Raum. Hier wird Rohkaffee und Gerstenmalz gelagert, gewaschen, poliert, sor-tiert und geröstet. 03 Reklamemarken machen den Pyra-Malzkaffee um 1910 bekannt. Der Name Pyra bezieht sich auf die Pyramide am Kaiser-Wilhelm-Becken. Sie erscheint als Motiv auch auf den Marken. Sie ist der 1810 er-richtete nördliche Messpunkt der Mannheimer Sternwarte, stand aber ursprünglich etwas weiter nördlich im heutigen Kaiser-Wilhelm-Becken. 04 Das erste Obergeschoss ist zu einem Tanzsaal umgebaut. Die originale Rippendecke ist noch zu sehen.

8. Inmitten von Werkstätten und Indus - trie betrieben liegt der Unterneh mens - sitz von Dorothee Schumacher, die 1989 ihr gleich namiges Modelabel gründete. Innerhalb von zwei Jahr - zehnten führte die Designerin ihr Unter nehmen zu internationalem Erfolg. Ursprünglich produziert hier die Oberrheinische Kartonagenfabrik Alfred Hirschland, die 1908 aus der Verpackungsabteilung der Mieder - fabrik Felina hervorgegangen ist. Die Nationalsozialisten zwingen den jüdischen Eigentümer Alfred Hirsch - land 1938, seine Fabrik weit unter Wert zu verkaufen. Neuer Eigentümer wird die Kartonagen fabrik Annweiler, die hier bis in die 1990er Jahre Ver - packungen herstellt. 1998 kauft Dorothee Schumacher die Gebäude und lässt sie vom französi - schen Star-Architekten Yves Bayard in ein modernes, licht durch flutetes Industrieloft umgestalten. Flache Hierarchien, offene Kommuni kation und Transparenz finden ihren Aus - druck in der architektonischen Ge - staltung. Neben den kreativen Abtei lungen wie Design und dem hauseigenen Atelier befinden sich die Produkt ent wicklung, Einkauf, Ver - trieb, Kommunikation, Marketing und Logistik ebenfalls hier, mit einem Team von 140 MitarbeiterInnen aus 16 Nationen. Im Hof neben dem gelben Back stein - gebäude schließen sich einige mo - der ne Industriehallen aus den 1960er Jahren an. Auf diesem Gelände pro - duzierte die Maschinen fabrik Gustav Spangenberg von 1904 bis 1982 Mühlen- und Spezial maschinen. Sie ist zu ihrer Zeit unter dem Marken - namen GSM weltweit ein Begriff in der Lack- und Farben industrie eben - so wie in der kosmetischen und Nahrungsmittel-Industrie. Dorothee Schumacher nutzt diese Hallen heute u.a. als Archiv. 04 01 02 INTERNATIONALE STRAHLKRAFT DOROTHEE SCHUMACHER 03 04 05 01 Mit den Ölfarben von Gustav Spangenberg la-ckierte schon Carl Benz seine Gefährte. Eine von Spangenberg selbst entwickelte Ölfarbenmühle macht ihn berühmt. Aus dem ursprünglichen Farb-handel in der Innenstadt entwickelt sich eine Ma-schinenfabrik, mit der er 1904 an den Industriehafen in ein eingeschossiges Gebäude zieht. Seine Spezi-almaschinen liefert er bis nach Russland. Die zwei Kriege bringen schwere Rückschläge. 02 Nach starken Kriegszerstörungen und Demon-tage ist Spangenberg 1957 wieder eine bekannte Fabrik für Farbwalzen und Spezialmaschinen. 03 Vertrieb, Kommunikation, Marketing und Logistik sind im Erdgeschoss der Halle untergebracht. De-sign, das hauseigene Atelier sowie die Produktent-wicklung finden in der ersten Etage ihren Platz. 04 Zeichnung von Yves Bayard aus dem Jahre 1998. Der französische Architekt (1935 – 2008) ist durch den Bau des Museums und des Nationalthea-ters in Nizza berühmt. Mit dem Anbau links neben der Halle erschließt er den gesamten Firmensitz. 05 Die Rezeption mit dem halbrunden Desk ist im ersten Stock der ursprünglichen Kartonagenfabrik gelegen. Industriestraße 47 –12– –13–

9. Das unverputzte Backsteingebäude mit einem kleinen Bürovorbau wirkt wie aus der Zeit gefallen. Seine Fassade ist mit Klinkergliederungen geschmückt, die beiden hohen Schornsteine tragen Ornamente aus farbigen Ziegelsteinen. Kaum ein anderes Bauwerk am Industriehafen ist so komplett erhalten und gleich - zeitig so marode. Das 1901 für die Rheinische Gips - industrie gebaute Anwesen erfährt innerhalb kurzer Zeit vielfältige Nutzungen: es wird Kunstlederfabrik, Kunstseidefabrik, Getreidepresshefe-und Spiritusfabrik. 1913 zieht Karl Renninger mit seiner Flaschen - kastenfabrik ein, die er bisher in der Lagerstraße 9 betrieben hat. Im Ersten Weltkrieg stellt er Zündnadeln für Granaten und Patronenhülsen her. Von der Eisenwarenfabrikation schwenkt er 1925 auf Chemie um und produziert fortan Rost schutz - farben. 1933 wird er von den Natio - nalsozialisten zum Oberbürger meis - ter ernannt, ein Amt, das er bis 1945 mit großer Härte gegen politische Gegner und jüdische Bürger führt. Renninger wird von der NS-Wirt - schafts gruppe Chemie zum Leiter der Fachgruppe Mineralfarben bestimmt und kann in der Zeit der Kriegswirt - schaft bei der Rohstoffzuteilung die Interessen unseres Kartells mit Erfolg vertreten (Renninger 1951). Ab den 1950er Jahren betreiben auf dem Areal mehrere Mieter ihre Fir - men: eine Spedition, eine Glaserei und ein Fensterbaubetrieb, eine Mineralmühle, ein Palettenhandel, eine Kfz-Werkstatt und ein Bauge - schäft. Seit 2010 gehört das Anwe - sen dem Hoch- und Tiefbau-Unter-nehmer Polat. 05 01 03 FABRIKSCHLOTE DER GIPSFABRIK POLAT-BAU 02 01 Auf der Fotografie von 1909 überragt das zu dieser Zeit als Getreidepresshefefabrik genutzte An-wesen mit seinen drei Stockwerken noch alle Nach - bar gebäude. Beide Schlote existieren schon. Mitten auf dem Industriehafen ist der Floßmarkt zu erken-nen, rechts die Pfälzischen Mühlenwerke, im Vorder-grund die Werkshallen der Maschinenfabrik Spangenberg und die Kaffeerösterei Knieriem. 02 Gleich zwei komplette Fabrikschornsteine sind hier noch erhalten, wenn auch in der Bausubstanz etwas angegriffen. 03 Die Wasserseite macht deutlich, dass hier nicht allein der Zahn der Zeit nagt. Das Anwesen mit den häufig wechselnden Nutzern ist Jahrzehnte lang im Besitz der Rheinischen Industriegesellschaft und später der Grundstückgesellschaft. Die Mieter sind meist nach kurzer Zeit insolvent. Auch der durch seine spätere NS-Karriere bekannte Mieter Karl Ren-ninger ist Anfang der 1930er Jahre verschuldet. Erst nach seinem Tod 1951 kauft sein Sohn das Anwe-sen und vermietet es vollständig. Man sieht den Ge-bäuden an, dass sie viele Umbauten hinter sich haben. Industriestraße 43 –14– –15–

10. Lieferung am Tag des Bestellein - gangs – damit wirbt um 1925 die Röhrengroßhandlung Leopold Weill. Sie hat sich aus einem Kommissions - geschäft von 1903 zur angesehenen und erfolgreichen Röhrengroß hand - lung entwickelt, die Metallrohre aller Art und Formstücke genau auf die Wünsche des Kunden zurichtet. Seit 1911 ist das Unternehmen am Indus - triehafen ansässig, seit 1926 erwei - tert es sich mit einem zweiten Stand - ort in der Friesenheimer Straße. Selbst während der Weltwirtschafts - krise und in den frühen Jahren des Nationalsozialismus kann Weill mit seinem Teilhaber und Neffen, Alfred Sonder, das Geschäft ausbauen. Die Röhrengroßhandlung hat 80 Ange - stellte und Arbeiter sowie Vertreter im In- und Ausland. Das Geschäft geht gut. Doch 1938 wird die Firma vom Ein - kauf praktisch abgeschnitten, und die jüdischen Inhaber werden persönlich bedroht. Eine neu gegründete Röhrenlager Mannheim AG „arisiert” das Großhandelsgeschäft. Nach dem Krieg erreicht Alfred Sonder Ent - schädigungszahlungen. 1970 verkauft das Röhrenlager das Anwesen an die Salzkontor Kurpfalz GmbH. Der in der Region größte Salzhändler schlägt jährlich ca. 15000 Tonnen Salz um, vom Streusalz für Straßen bis zum Salz für Brezeln. Entstanden ist der Betrieb aus der 1879 gegründeten Rixius KG, einem Apothekenzulieferer für Glasflaschen, Chemikalien und Heilwässer. Das Salzkontor zieht 2011 in den Kraichgau. Seit 2014 werden die Gebäude nach umfangreicher Reno - vierung von mehreren Firmen als Büro und Lager genutzt. 06 01 METALLRÖHREN UND STREUSALZ SALZKONTOR 02 03 04 01 Röhren werden über die Bahn angeliefert. Noch 1936 erneuert Weill die Bürogebäude. Er errichtet einen Aufenthaltsraum für das Personal, außerdem kauft er neue Zuschneidemaschinen und Fahrzeuge für die Auslieferung. Ein Jahr später installiert Weill eine neue Kranbahnanlage auf der Wasserseite. 02 Eine für die 1930er Jahre moderne Werbezeit-schrift der Röhrengroßhandlung Weill und eine Liste des Röhrenlagers Mannheim aus den 1950er Jah-ren. 03 Aus der Chemikalienabteilung von Rixius entwi-ckelt sich im Zusammenschluss mit überregionalen Partnern das Salzkontor. Es macht 50 Prozent seines Umsatzes mit der Industrie, 25 Prozent mit der Lebensmittelbranche. 20 Prozent geht als Streu-salz an die Kommunen, 5 Prozent werden an Privat-kunden veräußert. 04 Foto aus den 1920er Jahren: Ein LKW kann in das Lager einfahren, in dem die Röhren stehend ge-lagert sind, eine Lagerweise, die viel Handarbeit er-fordert. Industriestraße 41 –16– –17–

11. Corniche, also Uferpromenade, heißt die Pension, die seit 2013 in dem ehemaligen Verwaltungs- und Labor - gebäude ansässig ist. Kaum etwas deutet darauf hin, dass hier über 100 Jahre lang Chemiefabrikate herge stellt wurden: Im linken Ge - ländeteil die einst berühmte Pilo- Schuhcreme, in den Fabrikgebäuden rechts chemi sche Produkte der Seifen-und Textil industrie. Adolf Krebs baut 1903 die Pilo-Werke, eine Schuhfett- und Wichse fabrik. In den 1920er Jahren wird die Firma von seiner Witwe weitergeführt. Diese verkauft das Unternehmen Ende 1936 an die Thompsonwerke, die später zu Henkel gehören. Ebenfalls 1903 gründen auf dem rechten Bau - platz 32 Seifen fabri kanten aus dem süddeutschen Raum die Fettsäure-und Glycerinfabrik für die gemein - schaftliche Weiterver arbeitung und Verwertung des bei der Seifenpro - duk tion anfallenden Glyzerins. Das Unternehmen stellt ab 1905 auch Reinglyzerin für die Fabrikation von Sprengstoff und für Apotheken her. Auf dem Gelände siedelt sich 1950 auch die Chemische Fabrik Theodor Rotta aus Zwickau an, die Textilhilfs - mittel und Papierver edelungs pro - dukte produziert: insgesamt etwa 300 Chemikalien, die Hemden bügel - frei, Vorhänge schwer ent flamm bar oder Papier glänzend machen. Rotta übernimmt das gesamte Areal und gilt in den 1980ern als international führender Spezialist der Textilchemie. Doch dann verlagert sich die Textilin - dustrie nach Asien, das Werk mit 50 Arbeits plätzen wird 2007 auf - gelöst. Seit 2012 betreibt der Unternehmer Klaus Kungl auf dem gesamten Gelände einen vielfältigen Gewerbe - park u. a. mit Tanzschule, Boulder - halle und Hotel. 07 01 SCHUHWICHSE UND APPRETUR CORNICHE 03 04 02 01 Foto von 1959: Die Firma Rotta baut in den 1950er Jahren etliche Hallen und Funktionsgebäude auf dem Gelände zur Straße. Die ehemalige Glyze-rinfabrik steht noch heute im hinteren Bereich. 02 Von der einst großen Pilo-Fabrik mit zwei Werks - hallen und schmuckem Verwaltungsgebäude (als Stich auf einer Reklamemarke) ist nach mehrfachen Umbauten nichts im Original erhalten. Als einziges hat das Eingangsgebäude der Pilo-Werke den Zweiten Weltkrieg überdauert. 03 Foto von 1959: Rotta investiert viel in Forschung und Entwicklung und baut eigene Labors. Die Rezepturen für Ausrüstung und Beschichten von Textilien und dauerhaftes Färben werden hier entwi-ckelt. Heute sind in den ehemaligen Labors die Zim-mer der Pension untergebracht. 04 Die ehemalige Hauptproduktionshalle für Textil-und Lederhilfsmittel ist seit 2014 in eine Kletterland-schaft verwandelt worden. Von hier kann man auf eine Terrasse direkt ans Ufer des Industriehafens gelangen. Industriestraße 39 –18– –19–

12. Was klein im Kraichgau beginnt, ent - wickelt sich im Laufe von Jahr zehn - ten zu einer der großen Bett federn-fabriken in Deutschland: 1826 sam - melt der jüdische Kaufmann Michael Kahn aus dem Dorf Stebbach in der Nähe von Heilbronn bei den Bauern der Umgebung Federn zum Her - stellen von Kissen. Das Geschäft läuft so gut, dass er aus verkehrs - technischen Gründen 1854 nach Mannheim zieht. In der Innenstadt wird es zu eng, deshalb wird der Firmensitz der Bettfedern fabrik M. Kahn Söhne 1905 an den neu ge - schaf fenen Industriehafen verlegt. Bernhard Kahn, einer der Söhne und Teilhaber, stürzt sich in die 1848er Revolution, muss in die USA fliehen, kehrt später wieder nach Mannheim zurück und gründet hier mit seinen Brüdern das Bankhaus M. Kahn Söhne. Er ist 26 Jahre lang Stadtrat in Mannheim. Der umtriebige Fabri - kant holt sich die Gebrüder Straus aus der Ulmer Federn-Dynastie in die Firma. Diese entwickeln neue, effek - tive Maschinen. Als die National so - zia listen jüdische Firmen „arisieren”, muss das Unternehmen weit unter Wert ver kauft werden. Es heißt jetzt Mann heimer Bett - federn fabrik Kauffmann und Co. In den 1970er Jahren steigt eine dänische Firma ein. Nun werden in der Fabrik unter dem Namen Centa Star Artikel rund ums Bett produziert. Mit dem Niedergang des Karstadt- Quelle-Konzerns, einem Haupt kun - den, kommt schließlich 2004 das Aus für das Mannheimer Traditions unter - nehmen. Heute haben sich im Hafenpark mehr als 20 Firmen der Kreativwirtschaft und der Event-Gastronomie ange - siedelt. Nur in der ehemaligen Nähe - rei werden noch Daunendecken und Kopfkissen produziert und vertrieben. 08 01 EINE FAMILIENGESCHICHTE BETTFEDERNFABRIK 04 05 02 03 01 Foto aus den 1920er Jahren: Vom benachbarten Schuhcremewerk aus ist die Bettfedernfabrik in voller Größe zu erkennen. Bis auf die Dachdekora-tion und den Schlot ist alles erhalten. In den Fässern lagern Rohstoffe für das Pilo-Werk. 02 Foto um 1920: Beleben und Reinigen von Bett - federn und Daunen – so lautet ein Werbespruch der Bettfedernfabrik. Für diese Arbeit werden vor allem Frauen eingestellt. 03 Foto um 1920: Bereits um 1900 importiert Kahn die Federn auch aus Ungarn, Russland und sogar aus China. Sie werden zu großen Ballen gepresst angeliefert. 04 Foto von 1938: Nach der „Arisierung” wird das neue Firmensignet angebracht und der Vorgarten frisch bepflanzt. Die Platanen sind heute haushoch. 05 Der ursprüngliche Charakter der Fabrik hat sich in den modernen Büroräumen und Werkstätten er-halten – dank der gusseisernen Säulen, Bogenfens-ter und Holzdecken. Industriestraße 35 –20– –21–

13. Die Hutsch, wie die Mannheimer sie nennen, ist ein Abbild industrieller Entwicklung: vom Gummistiefel zur Raumfahrttechnik. 1860 beginnt die französische Gummi- und Kautschuk - fabrik Etablissement Hutchinson im Quadrat S6, 1 mit der Produktion von Galoschen, Über schuhen aus Gummi. Später kommen Fahrradreifen hinzu. 1900 übersiedelt sie in einen Neubau am Industrie hafen. Dort werden Gum - mi teile fürs Auto hergestellt, darunter Vollgummi reifen für die Automobil - fabrik Benz & Co. 1914 arbeiten hier schon 1000 Beschäftigte, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Gummi setzt sich als Material in allen Lebensbereichen durch, von Boden - belägen bis zu Einmachringen. Dazu kommen schon damals spezielle Notlaufsysteme für militärische und zivile Fahrzeuge. Hochgestellte Per - sön lichkeiten weltweit ein schließlich des amerikanischen Präsidenten fahren noch heute Autos mit Notlauf - systemen von Hutchinson. Ende der 1970er Jahre konzentriert man sich auf den Automobil sektor. Alles was beim Auto aus Gummi ist, stammt von Hutchinson – mit Aus - nahme normaler Reifen. Der Betrieb dehnt sich mit lang ge streckten Hallen auf dem benachbarten Gelände einer ehemaligen Mühle aus und wird zum Entwicklungszentrum für Leitungs - systeme aus Gummi und Kunststoff. 2014 ist Mannheim mit über 300 Mit - arbeiterinnen und Mitarbeitern Haupt sitz der Hutchinson GmbH in Deutsch land. Hier sind das Ent wick - lungszentrum und der Proto typenbau für Leitungssysteme aus Gummi und Kunststoff angesiedelt. Kunden sind die Automobil-, Luft- und Raum fahrt - industrie. Seit 1974 gehört Hut chin - son S.A. zur Chemical Division des französischen Total-Konzerns. 09 01 04 05 02 03 EIN FRANZOSE IM HAFEN HUTCHINSON 01 Ein Briefbogen von 1902 zeigt einen Stich mit den Backsteingebäuden der Firma. Noch heute kann man unter dem farbigen Anstrich die Klinker-struktur erkennen. 02 Foto um 1920: Bei der Produktion von Gummi-stiefeln wird die Sohle zum Schluss aufgebracht. Die Stiefel sind mit gewebten Innensocken ausgestattet. 03 Foto frühe 1920er Jahre: Über 100 Sorten von Gummischuhen hat Hutchinson um diese Zeit in sei-nem Katalog. Für das Foto sind die Arbeiterinnen alle frisch frisiert und in gestärkten hellen Kleidern aufgestellt worden. 04 Teilansicht von Hutchinson von der Wasserseite: Im Hintergrund ist eine Halle mit Oberlichtern aus der Gründerzeit zu erkennen. Nachts strahlt der zwei Meter hohe Schriftzug auf einem Anbau aus den 1950er Jahren. 05 Postkarte von 1903: Direkt vor Hutchinson, an der Kreuzung Hansa- und Industriestraße, steht seit 1903 das prächtige Fachwerkhaus der Gaststätte Storchen-Eck mit einer Postfiliale. Nach einem Bom-benschaden 1944 wird die Wirtschaft nur einge-schossig wieder aufgebaut und bleibt bis in die 1990er Jahre ein beliebter Feierabendtreff Hansastraße 66 Querstraße zur Industriestraße –22– –23–

14. Das Gelände des Deutschen Roten Kreuzes wird erstmals 1903 bebaut: von der Maschinenfabrik Jäckel (links des Standorts) und von der Malz - fabrik Siegel. Deren stattliches Ver - waltungsgebäude ist äußerlich voll - ständig erhalten, auch der Grund riss der Malzfabrik ist noch erkenn bar. Die Malzfabrik wird 1920 in ein che - mi sches Werk umge wan delt, das unter der Leitung von Marcel Melliand Textilchemikalien herstellt. Melliand ist auch Herausgeber der Textil berichte über Wissenschaft, Industrie und Handel – bis heute ein inter national anerkanntes Fachorgan für die Textilindustrie. Um sich aus - schließlich der Forschung und Ent - wicklung zu widmen, schließt er die Fabrik 1924 bereits wieder. Danach zieht zunächst eine Likörfabrik und nach dem Krieg eine Spedition in die Gebäude ein. Auf dem linken Nachbargelände lässt sich um 1920 die Fabrik Technischer Öle und Fette F. & J. Löbmann nieder. Die jüdischen Unternehmer haben ab 1933 große Probleme mit dem Roh - stoffbezug und müssen die Firma 1938 zwangsverkaufen. Die von ihnen gegründete bekannte Marke Renolit wird von dem jungen Fami - lien unternehmen des Rudolf Fuchs (heute Fuchs Petrolub SE) weiter - geführt. Von der Familie Löbmann überlebt nur Julius die NS-Zeit. Auf dem Fabrikgelände ist ab den 1930er Jahren eine Farbenfirma ansässig, die in den 1980er Jahren dem Neu bau des Deutschen Roten Kreuzes weicht. Der Rettungsdienst hat hier seine Verwaltung und Buch - haltung, außerdem befindet sich hier die Rettungswache. 10 01 03 04 GESCHÄFTSHAUS DER MALZFABRIK DEUTSCHES ROTES KREUZ 05 02 01 Luftbild von 1927: Die Lagerstraße erschließt die Landzunge, die durch das Kaiser-Wilhelm-Becken gebildet wird. Die 1902 errichteten Germania-Müh-lenwerke Werner und Nicola dominieren das Areal bis zum Abriss im Jahr 1979. In der Lagerstraße 9 ist zeitweise die Deutsch-Koloniale-Bananenmühle an-sässig. In der Lagerstraße 11 hat noch heute eine Gewürzmühle ihren Sitz. 02 Zeichnung aus einer Werbung 1922: Das vierge-schossige Werk mit dem für Mälzereien typischen Entlüftungskamin wird von Melliand bereits als Fa-brik für Textilchemikalien genutzt. Im Zweiten Welt-krieg wird die Fabrikanlage weitgehend zerstört, während das Geschäftshaus und die Fabrikmauer unbeschädigt bleiben. 03 Der Sandsteinsockel, die Kellerfenster und die Backsteinwände des Erdgeschosses sind ebenfalls aus der Bauzeit von 1903 erhalten. 04 Im Keller der ehemaligen Malzfabrik sind die gusseisernen Stützen sichtbar, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. 05 Werbeanzeige aus dem Jahr 1922 von F. & J. Löbmann, die Schmieröle für Maschinen und Autos mischen. Geliefert wird in Fässern und Kesselwagen. Lagerstraße 5-7 Von der Hansastraße links in die Lagerstraße einbiegen –24– –25–

15. Bevor eine Frachtsendung abgeht, wird gewogen, gezählt, der Fracht - brief ausgefüllt, Tarife berechnet. Eine Güterabfertigung benötigt um 1900 nicht nur Lagerhallen, Ladegleise, Laderampen und Ladestraßen sowie Abstellgleise und Förderein rich ungen wie Kräne, sondern auch ein Amtsge-bäude. Der schmucke Klinkerbau aus dem Jahr 1899 dient zuerst als Gü-terstation der Groß herzoglich Badi-schen Eisenbahn verwaltung, ab 1920 als Güter bahn - hof Mannheim-Indus-triehafen der Deutschen Reichsbahn. Von 1949 bis in die 1990er Jahre ist es der Bahnhof Industriehafen der Deutschen Bundesbahn. Danach wird es als Wohnhaus genutzt. Die Güterabfertigung wird bewusst an das Kaiser-Wilhelm-Becken ge-legt, denn hier werden, wie bei Han-delshäfen üblich, auch senkrechte Lade-Kais gebaut. Sie erleichtern das Be- und Entladen von Schiffen. Zwei Speditionen siedeln sich hier an. Als die ersten Betriebe an den Industrie-hafen ziehen, ist die Hafenbahn noch nicht fertig gestellt, sodass für sie zu-nächst ein provisorischer Bahnbe-trieb mit Pferdekraft eingerichtet wird. Auch die Fracht, damals verpackt in Fässer, Kisten, Kartons und Säcken, wird zunächst oft mit Pferdefuhrwer-ken und Sackkarren transportiert. Es gibt zwar elektrisch betriebene Kräne, aber die meiste Arbeit leisten die Hafen- und Bahnarbeiter mit ihrer Körperkraft. Sackträger „buckeln“ bis zu 100 Kilogramm schwere Lasten und sind lange Zeit Gelegenheitsar-beiter in ungeschützten Arbeitsver-hältnissen. Erst ab den 1950er Jah - ren beschäftigt ein Mannheimer Umschlagbetrieb 2000 Sackträger in fester Anstellung. 11 01 GÜTERBAHNHOF IM INDUSTRIEHAFEN STATIONSAMT 02 03 04 01 Am unteren Ende des Kaiser-Wilhelm-Beckens siedelt sich die Rhein- und Seespeditionsgesell-schaft für Stückguttransport an, die von ihrer Lage neben der Bahngüterabfertigung profitiert. Neben den Güterschuppen und dem Stationsamt (unten rechts) verläuft das Ladegleis. Auf dem Dreieck da-neben warten Züge auf Aufstellgleisen auf ihre Ab-fahrt oder Abfertigung. 02 Foto aus den 1980er Jahren: Die Bahnhofsuhr im klassischen Schweizer Design signalisiert die Funk-tion des Gebäudes von weitem. Sie fehlt heute ebenso wie die beiden gusseisernen Fahnenhalte-rungen. Die Sprossenfenster sind ausgewechselt. 03 Von den ehemals fünf Gleisen ist wenig übrig. Die Bahn spielt nur noch für einzelne Betriebe, wie z. B. den Recyclingbetrieb TSR und die Mühlen, eine Rolle. Nur wenige der früher 35 km langen Gleisan-lagen werden heute regelmäßig genutzt. 04 Ein bauzeitliches Gitter am Kellerfenster und das seitliche Treppengeländer zeigen, mit welcher Liebe zum Detail damals Funktionsbauten ausgeführt wur-den. Erhalten hat sich auch das inzwischen holprige, aber sehr regelmäßig verlegte Pflaster vor dem ge-samten Gebäudekomplex. Industriestraße 27 Standort der Tafel ist links an der Güterhalle –26– –27–

16. Um 1900 wehren sich in ganz Deutsch - land insbesondere Menschen aus der Arbeiterbewegung gegen den Verkauf von schlechten und überteuerten Le - bensmitteln. Überall werden deshalb Konsumgenossen schaften gegrün - det. Unverfälschte Ware mit vollem Gewicht und zu reellen Preisen, Bar - zahlung und Rückvergütung der Überschüsse, jedes Mitglied eine Stimme, das sind die Leitlinien der Konsumvereine, die bald auch eigene Lebensmittel produzieren. 1908 baut der Konsumverein seine Zentrale in Mannheim aufwändig im Stil der Neorenaissance. Sie dient als Verwaltungssitz der Konsum ge nos - sen schaft mit Büroräumen und Sitzungssälen, mit dem Zentrallager, der Bier- und Limonade-Abfüllerei sowie mit einer Bäckerei, Metzgerei, Kaffeerösterei und Sauerkrautfabrik. Ende des Jahres 1925 zählt der Konsumverein fast 24 000 Mitglieder und verfügt über 53 Verkaufsstellen in Mannheim und Umgebung. 1933 übernehmen die Nationalsozialisten das Ruder und binden die Konsum - genossenschaften ab 1939 in die militärischen Versorgungspläne ein. 1941 beschlagnahmt die Deutsche Arbeitsfront das Vermögen. Nach dem Krieg zeigt sich, dass der Genossenschaftsgedanke nicht tot ist. Konsumläden werden mit dem gleichen Konzept wieder eröffnet. Aus Konsum wird 1968 co op mit den ersten Selbstbedienungsläden in Deutschland. Bis Ende 1981 ist dieses Gebäude der Hauptsitz der Verwaltung, mit Zentrallager und Backbetrieb. Die Geschichte fast aller Konsum-Genossenschaften in West - deutschland endet 1990 als Folge von zunehmender Konkurrenz und Managementfehlern. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Seit langer Zeit wird es für die Betreuung von Flüchtlingen genutzt. 12 01 ZENTRALE FÜR 128 LÄDEN KONSUMVEREIN 03 04 02 01 Foto um 1907: 1906 kauft der Konsumverein das 3000 qm große Grundstück. Der Mannheimer Archi-tekt Wendelin Leonhardt, der sonst eher Kirchen baut, schafft nach eigenen Worten ein Bauwerk, in dem Zweckmäßigkeit und Schönheit miteinander verbunden sind. 1912 werden links weitere 1500 qm für eine Bäckerei und Kaffeerösterei angebaut. 02 Das Gebäude ist in moderner Skelettbauweise errichtet. Die Betonkonstruktion ist im Inneren sichtbar, wie hier in den sauberen und luftigen Lagerräumen. 03 Der Fuhrpark des Konsumvereins im Jahr 1928: Im Hof werden die LKW beladen, damit sie die Le-bensmittel zu den Verkaufsstellen in den Stadtteilen befördern. 1958 sind es 128 Filialen in der Region, die von hier beliefert werden. 04 Foto um 1925: Die Bäckermeister der Stadt ver-weigern in einer öffentlichen Erklärung die Beliefe-rung von Konsumläden mit Brot und Backwaren. Die Konsumgenossenschaft reagiert darauf mit der Einrichtung einer eigenen Großbäckerei im Jahr 1912. Industriestraße 6, Standort der Tafel auf der gegen über - liegenden Straßenseite am Zaun des Parkplatzes –28– –29–

17. Auch die Brauereiindustrie hat hier eine ganz gewaltige Bedeutung er - langt, steht 1906 in dem Bildband Mannheim und seinen Bauten, in dem die Malzfabrik von Adolf Hey - mann an oberster Stelle genannt ist. Dieser hat sich schon 1899 als einer der ersten Unternehmer am Indus - trie hafen nie der gelassen. Auch wenn die Gebäu de mehrmals grund legend umgebaut werden, bleibt doch ihre ursprüng liche Struktur erkennbar. Adolf Heymann erweitert seine Fabrik um eine Maismühle. Sein Nachfolger Albert Heymann wandelt die Fabrik 1917 komplett in eine Graupen- und Schälmühle für Erbsen, Hirse und Reis um. Außerdem verkauft er Hüh ner - futter. Der Markenname Ahama (abge - leitet aus Adolf Heymann Mann heim) setzt sich für alle Produk te durch und bleibt auch erhalten, als 1938 der Betrieb unter einem neuen Besitzer in Huber-Mühle umfirmiert. Der Verkauf an die Familie Aichmann-Huber geschieht nicht freiwillig, denn Hey - mann ist als Jude von der „Ari sierung” betroffen. Wenig später wird er im KZ Bergen-Belsen umgebracht. Nach dem Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Mühlengebäude darf zu - nächst nur Mehl gemahlen werden. Zeitweise sind allein im Maschinen-und Kesselhaus der Dampfmaschine 20 bis 25 Arbeiter in drei Schichten eingesetzt. Erst Mitte der 1950er Jahre, bei der Umstellung auf Reis - bearbeitung, elektrifiziert man die Produktionsanlagen. Bis 2013 wer - den Reis und Hülsenfrüchte geschält. Seit 2014 nutzt die Schweizer Firma Prodosa AG die Mühle als Lager für Bio- und konventionelles Getreide und Ölsaaten. 13 01 PIONIER AM INDUSTRIEHAFEN HUBERMÜHLE 02 03 04 01 Ansicht um 1900: Der große Bau der Malzfabrik im Hintergrund steht noch. Die Entladestelle und ein Teil des Lagers liegen am Kaiser-Wilhelm-Hafen. Die Gebäude der Hubermühle sind heute an ihrem dun-kelrot gestrichenen Backsteinmauerwerk erkennbar. Auch das heutige Eventcenter gehört ursprünglich zur Mühle und Mälzerei. 02 Die Industriestraße um 1901. Die Malzfabrik mit hohem Schornstein und dem markanten Dunst-schlot der Malzdarre im Hintergrund ist die erste große Fabrik in der Industriestraße. Der Güterver-kehr auf der Schiene ist bereits in Betrieb. 3 Luftaufnahme von 1927: Der Fabrikschornstein stand ursprünglich vor dem Kesselhaus. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er durch einen neuen im hin-teren Bereich ersetzt. Dieser war bis Mitte der 1950er Jahre in Betrieb. 04 Die alten Backsteinfassaden der ehemaligen Malzfabrik haben noch Sprossenfenster mit Rund-bogen. Die vier Stockwerke hohe Fassade ist mit Lisenen gegliedert. Die Doppelfensterreihe im ober s ten Stockwerk lässt den massigen Bau leichter wirken. Industriestraße 4. Standort der Tafel auf der gegen - überliegenden Straßenseite an der Nummer 11 –30– –31–

18. Bunt bemalte Anbauten, viele Fir men-und Disco-Schilder lassen die beweg - te jüngere Geschichte erkennen. Der markante Fabrikschlot und die Neon - reklame aus den 1950er Jahren er - innern an die historische industrielle Nutzung. Von 1902 bis 1936 raucht hier der Schornstein eines der größten Mann - heimer Unternehmen der Holzbran - che, der Firma Ad. Messer schmitt, Dampfhobel- und Sägewerk. Exqui - site überseeische Hölzer werden über Rotterdam importiert und hier ma - schi nell gesägt, gespalten und in Trockenkammern für die Weiter ver - arbeitung vorbereitet. 1936 verkauft Messerschmitt das Gelände an die Chemische Fabrik Badenia, die Dachpappen und Teerdestillationsprodukte herstellt. Sie ist bereits seit 1880 in der Neckar stadt ansässig und wird schon 1933 von der NS-Stadtverwaltung zu einem Besitzerwechsel gezwungen, denn nur als nicht-jüdischer Betrieb kann das Werk Aufträge von der Stadt bekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt die Firma die voll - auto matische Großfabrikation von Dachpappe mit einer Tageskapazität von ca. 20 000 qm auf. Ferner wer - den Klebemassen und Isolier stoffe hergestellt. 1994 übernimmt die Esso AG die Chemische Fabrik Badenia mit ihren rund 100 Beschäftigten. Im Jahr 2007 wird die Firma komplett abgewickelt und hinterlässt chemische Rück stän - de im Boden. Viele Kleinbetriebe der unterschiedlichsten Branchen nutzen jetzt das Gelände, darunter ein Wer - be mittelbetrieb und ein Möbelhaus. 14 01 TROPENHÖLZER AUS ÜBERSEE MESSERSCHMITT 03 04 02 01 Der Briefkopf von Messerschmitt aus dem Jahr 1907 zeigt neben Mannheim seine weiteren Nieder-lassungen in Kastel am Rhein und im schweizeri-schen Pratteln. 02 In den 1960er Jahren steigt die Badenia in die Mineralölwirtschaft ein und baut für den Heizölver-trieb große Tanklager auf dem Gelände, die heute nicht mehr existieren. 03 Rechts hinter dem Fabrikschlot gelangt man zum Kaiser-Wilhelm-Becken. Auf unwegsamem Gelände steht dort eine vier Meter hohe Pyramide, die im 19. Jahrhundert als astronomischer Messpunkt der Mannheimer Sternwarte diente, beim Bau des In-dustriehafens 1907 aber versetzt wurde. An sie erin-nert auch der Name Pyramidenstraße. 04 Im Zweiten Weltkrieg wird das Verwaltungsge-bäude von Messerschmitt komplett zerstört, nur der etwas eingekürzte Schornstein mitsamt Sockelbau steht noch. Auf dem ehemaligen Lagergelände baut die Badenia neue Produktionsanlagen. Industriestraße 9 Standort der Tafel an der Mauer in der Einfahrt rechts –32– –33–

19. Nur verwischte Großbuchstaben auf der Fassade erinnern an das Tabak - gewerbe im Industriehafen. Die in Mannheim traditionell starke Tabak - industrie hat die Produktion um 1900 wegen der niedrigeren Löhne weit - gehend aufs Land verlagert. In der Stadt findet man nur noch die Ge - schäfts häuser und den Tabak handel. In den 1930er Jahren siedelt sich die Rohtabakhandlung von Josef Strack & Co am Industriehafen an. Sie fer - men tiert den getrocknet ange lieferten Tabak und verkauft ihn für die Weiter - verarbeitung an Zigarren- und Ziga - ret tenfabriken. Sie bearbeitet regio - nalen und importierten Roh tabak. Bevor Strack den Tabakhandel 1964 aufgibt, vermietet er Teile seines Werkes an die Deutsch-Holländische Tabakge sell schaft, die Tabakfolien zur Ver wen dung als Deckblatt für Zigarren her stellt. Diese zieht 1971 nach Hockenheim. Im weitläufigen Gelände der Indus - trie straße 2 A bis 2 L lassen sich seit der Gründung des Industrie hafens viele kleine Betriebe und Hand werker nie der: eine Alteisenhandlung, ein Blech warenwerk, eine Lumpen - sortieranstalt, eine Verzinkerei, eine Schreinerei, ein Plattenträgerwerk. Im Zweiten Welt krieg zwängt man ein Lager für fran zösische Kriegs ge fan - gene hinein. Die heutige Bebauung zur Industriestraße hin entsteht in der Nachkriegszeit. 1968 wird die entlang des Bahn damms gelegene Repara - turwerkstatt der Allgemeinen Werk - zeugmaschinen Aktiengesellschaft AWG geschlossen, die seit 1920 als größerer Betrieb den Platz be - herrscht. Ab den 1980er Jahren siedeln sich zunehmend Kfz-Händler und Kfz- Werk stätten an. Die 5000 qm große, histo rische AWG-Halle wird von Zengin- Ladenbau-Team als Lager genutzt. 15 GEWERBE MIT TRADITION TABAKGESELLSCHAFT 01 02 03 04 01 Nach dem temperaturgesteuerten Prozess des Fermentierens werden die feuchten Büschel der zu-sammengenähten Tabakblätter aufgeschüttelt und zum Trocknen auf Kühlbänke geschichtet. 02 80 bis 100 Beschäftigte, vor allem Frauen, arbei-ten bei Strack. Die beim Fermentieren abgefallenen kleinen Stücke der Tabakblätter werden entstaubt, verlesen und für die Zigarreneinlage weitergenutzt. 03 Lagerarbeit in den 1950er Jahren: Die 150 Kilo-gramm schweren Tabakballen werden mit Sack - karren ins Lager gefahren, mit einem elektrischen Auf zug nach oben befördert und erneut mit Muskel-kraft auf den Stapel gezogen. Gabelstapler und Euro paletten kommen erst in den 1960er Jahren zum Einsatz. 04 Heute wird der stattliche Bau als Lagerhaus ge-nutzt. Das oberste Stockwerk beherbergt 2009 Teile der Kunstausstellung art scout one. Industriestraße 2 H –34– –35–

20. Hier beginnt 1898 das Zeitalter der öffentlichen Stromversorgung für Mann heim. Der Stadtrat bewilligt nach reiflicher Überlegung die damals ge - waltige Summe von 3,3 Millionen Reichsmark zum Bau des ersten städtischen Elektrizitätswerkes für Straßenbeleuchtung und Straßen - bahnbetrieb sowie zur Versorgung von privaten Haushalten und gewerblichen Nutzern. Brown, Boveri und Cie., ein erfahrenes Schweizer Unternehmen, erhält den Auftrag für die elektrische Ausrüstung und den Betrieb des städtischen Elektrizitätswerks. Am 15. Oktober 1899 geht das Werk in Betrieb. 1900 hat das Werk 457 Stromabnehmer, zwei Jahre später sind es über Tausend. Obwohl für das Betreiben von elektrischen Motoren und Heizungen im Industriehafen der Strom besonders günstig angeboten wird, trennt sich die Industrie nur zögerlich von ihren Dampfmaschinen. Das Elektrizitätswerk bringt nicht nur Strom, sondern auch Arbeitsplätze. Denn BBC verpflichtet sich, im Ge - gen zug für den Auftrag eine große elektrische Fabrik in Käfertal zu er - richten. Mannheim wird 1900 Haupt - sitz für BBC-Deutschland. Schon 1899 entstehen am Ende der Indus - trie straße die Süddeutschen Kabel - werke, die 500 Arbeiter beschäftigen. 1906 übernehmen die Stadtwerke Mannheim das städtische Elektri zi - täts werk in Eigenregie und verdrei - fachen die Erzeugungs leistung. Seit 1913 besteht eine Kabelverbindung zum privaten Elektrizitätswerk der Oberrheinischen Eisenbahnge sell - schaft (OEG) im Rheinauer Hafen. Bis zur Inbetrieb nahme des Groß - kraft werks 1923 versorgen die beiden Elektrizitäts werke im Verbundbetrieb ganz Mannheim. 1926 wird die Stromer zeugung des Elektrizi täts - werks im Industriehafen eingestellt. Es dient seither als Verteilerstation. 16 01 WIE DER STROM IN DIE STADT KAM ELEKTRIZITÄTSWERK 04 02 03 05 01 Innerhalb von nur 15 Monaten wird das Kraftwerk in solidem, gelbem Ziegelmauerwerk erbaut. Ab De-zember 1899 wird elektrische Energie verkauft. 02 Die ursprüngliche Anlage besteht aus zwei Hallen für Kessel- und Maschinenhaus. Die Kohlelieferung erfolgt vom Bonadieshafen aus, der sich damals noch 200 Meter weiter nach Süden ausdehnt. 03 Das Herz des Kraftwerks bis 1926: Drei von der Firma Gebr. Sulzer in Ludwigshafen gebaute Tan-dem- Dampfmaschinen treiben jeweils einen BBC-Drehstromgenerator an. 04 Foto aus den 1930er Jahren: Viele rauchende Schornsteine im Industriehafen zeugen davon, dass sich die Firmen immer noch auf ihre eigene Energie-versorgung mit Dampfmaschinen verlassen. Der Bahndamm der Ludwigsbahn (später Riedbahn) führt nahe am Verwaltungsbau (links im Bild) vorbei, doch seit 1985 wird dieses Gebäude von der Schnellbahntrasse geradezu bedrängt. 05 Seit 1911 ist der Eingang von einem neoklassi-zistischen Verwaltungsbau umschlossen, der von der MVV Energie noch teilweise genutzt wird. An der Front steht in vergoldeten Jugendstil-Lettern: Staedt. Elektrizitaetswerk Mannheim-Industriehafen. Fardelystraße 3 Querstraße zur Industriestraße –36– –37–

21. BONADIESHAFEN 1927 Unten der Neckardamm mit Floßdurchlass und einem Flussschwimmbad. Rechts das Elektrizitätswerk direkt am Wasser. Im Hinter-grund die Pfalzmühle und der Bauplatz der ALTE NECKARMÜNDUNG GEG. Früher hätte man hier nasse Füße be-kommen, denn hier war die ur sprüng - –38– –39– liche Mündung des Neckars in den Rhein. Nach der Begradigung des Rheins 1862 wird wenige Jahre spä-ter auch der Mündungsabschnitt des Neckars verlegt. Nur ein schmaler, verschließbarer Durchlass bleibt für das vom Neckar kommende Floß-holz, mit dem hier schwunghafter Handel betrieben wird. Beim Bau des Industriehafens um 1900 bleibt dieser Durchlass erhalten. Das südliche Becken des Bonadieshafens reicht damals viel weiter nach Süden als heute. So konnten Kohleschiffe das Elektrizitätswerk direkt beliefern. Zu dieser Zeit gibt es dort noch einen Nachenhafen und ein Fluss schwimm - bad. Eine Schiffswerft mit Anker - schmiede hat neben dem E-Werk eine schräge Ebene, auf der Schiffe zur Reparatur hochgezogen werden. Am nördlichen Becken des Bona - dies hafens ist eine Schleuse für die Schiffe vom und zum Neckar. Nach-dem das E-Werk ab 1927 nur noch als Umspannwerk dient und der Floß-holzhandel zum Erliegen gekom men ist, wird es ruhig in diesem Teil des Hafens, sicher zur Freude der Gäste im Flussfreibad, das noch bis in die 1960er Jahre betrieben wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird ein großer Teil des südlichen Bonadies - hafens mit den Gebäudetrümmern aus der Neckarstadt verfüllt. Auch der Floßdurchlass wird mit einem Damm verbaut. Erst Ende der 1960er Jahre entsteht die gegenwärtige Straßen führung. Die Ankerfabrik schließt in den 1970er Jahren. Die BMW-Niederlassung siedelt sich 1992 an. P3 PFALZMÜHLE Die 1898 in Schifferstadt gegründeten Pfälzischen Mühlenwerke verlegen 1909 ihr Werk an den In-dustriehafen und stellen seither Mehl und Grieß her, bekannt unter der Marke Goldpuder. BLAUE HALLEN Hier hatte ursprünglich die Schiffswerft und Ankerfabrik Heuß ihren Sitz. Die blauen Stahlhallen stammen von York-Kältetechnik, die bis 2013 dort ansässig war, in-zwischen werden sie von Speditionen genutzt. GEG Mühle, Nudelfabrik und Malzkaffee-werk der genossenschaftlichen Groß-einkaufsgesellschaft. Seit 1997 ist die Spedition Wetlog ansässig, sowie Werkstätten und Künstler-Ateliers. Im Vordergrund: Einfahrt zum Kaiser- Wilhelm-Becken. OLMÜHLE Eine der größten europäischen Ölmühlen, inzwischen zum Bunge-Konzern gehörig, presst hier seit 1907 Ölsaaten. Seit 2006 wird aus Raps nicht nur Speiseöl sondern auch Treibstoff hergestellt: bei der benachbarten M.B.F. Mannheim Biofuel, einer Tochterfirma von Bunge. Zuvor waren hier die landwirt-schaftlich chemische Fabrik Zimmer und das Holzbearbeitungswerk Huth ansässig. Inselstraße 6 Standort der Tafel am Zaun direkt am Wasser. Bei der Einfahrt der Firma Tassis rechts entlang des Zauns, dem kurzen Pfad durch das Gebüsch folgen.

22. Nackte Beton-Silos, vier mal zehn Stück in strenger Reihe an einem hohen, kubischen Klinkerbau: der Anblick ist für die Zeit von 1929 sicherlich ungewöhnlich. Dieser Silo - bau mit dem markanten Firmen signet auf der Stirnseite wird damals als der größte Ölsaaten-Silobau der Welt gerühmt. Er ist lange Zeit das Wahr - zeichen des Vereins deutscher Oel - fabriken in Mannheim – VDO. Un ver-kleidete Silos sind heute Standard. Das zeigt der erste Blick auf das Firmengelände der jetzigen Ölmühle: Beton-Silos und Metall-Tanks, ver - bunden durch ein gigantisches Rohr - leitungssystem, beherrschen das Bild. Seit 1907 wird an diesem Standort aus ölreichem Saatgut Speiseöl ge - wonnen. 1887 als Aktiengesell schaft durch Fusion von sechs süddeut - schen Ölfabriken in Mann heim ge - gründet, entwickelt sich VDO zu einer der größten Saatöl mühlen Europas. Industrialisierung, Bevölke rungs - wachs tum und kalorienreiche Ernäh - rung begünstigen die steigende Nach frage nach Speiseöl. 1920 wird VDO international: Die Mühle wird zuerst vom holländischen Unternehmen Unilever gekauft, 70 Jahre später von einer französisch-italienischen Gesellschaft und wech - selt 2002 zum amerikanischen Bunge- Konzern. Nach zwei schweren Brän - den (zuletzt 2010) sowie als Folge fortschreitender Technik besteht die Ölmühle heute über wiegend aus neuen, hochmodernen Anlagen, die sie zu einer der effizientesten Ölmüh - len Europas machen. Das produzierte Rapsöl findet Verwendung in der Bio - diesel branche, als Speiseöl, in Mar ga - rine sowie als Zusatz z. B. in Lippen-stiften, Medikamenten und sogar Bodenbelägen. Rapsschrot, die ent - ölte Rapssaat, dient als eiweißreiches Futtermittel. 17 01 SPEISEÖL UND SPRIT VDO – BUNGE 02 03 04 01 Postkarte um 1930: 1929 entsteht das imposante Silo nach einem Brand des ursprünglichen Silos. Der Erbauer ist nicht bekannt. Le Corbusier prägte für solche Gebäude die Bezeichnung Ingenieur-Ästhe-tik, die gleichrangig mit der Baukunst sei. Das Silo wird nach wie vor für die Lagerung der Saaten ge-nutzt. 02 Foto aus den 1930er Jahren: Das Grundstück ist noch locker bebaut. Nach starker Kriegszerstörung wird die Ölmühle größer wieder aufgebaut. Noch in den 1960er Jahren arbeiten rund 500 Menschen bei VDO, 2014 sind es als Folge der Automatisierung 180 Beschäftigte. 03 Im Kontrast zu den heutigen Siloriesen wirkt der Bau von 1929 elegant und stilvoll. Das Ensemble ist von der Brücke vor der Schleuse gut zu sehen. Im Hintergrund steht das 65 Meter hohe Großraumsilo aus den frühen 1970er Jahren mit 16 000 Tonnen für Rapssaat, während die 40 Kammern des älteren zu-sammen 12 000 Tonnen fassen. 04 Direkt neben der Ölmühle Bunge liegt die Toch-tergesellschaft Mannheim Bio Fuel GmbH. Seit 2006 wird dort ein Großteil des in der Mühle gewonnenen Rapsöls zu Biodiesel verarbeitet. Bonadiesstraße 3 Standort der Tafel auf der gegenüberliegenden Straßenseite Inselstraße 1, auf dem Damm –40– –41–

23. GEBURTSSTUNDE DER INSEL Mannheim aus der Vogelperspektive von Theo-dor Verhas 1869: Seit 1862 ist der Friesenhei-mer Durchstich schiffbar, wenig später wird auch die Neckarmündung verlegt. Um die Frie-senheimer FRIESENHEIMER INSEL –42– –43– Der Rhein ist heute um 81 Kilometer kürzer als vor 1817. Zu dieser Zeit beginnt der Ingenieur Johann Gott-fried Tulla den verschlungenen Fluss-lauf zu begra digen. Mehrere Durch - stiche vermindern die Hochwasser-und Vereisungsgefahr, legen malaria - ver seuch te Auen trocken und beschleu nigen den Schiffsverkehr. Nach 35 Jahren Arbeit an der Bau-stelle nördlich von Mannheim kann 1862 der 4590 Meter lange neue Rheinlauf befahren werden. Das nun abgetrennte, landwirtschaftlich ge-nutzte Gebiet gehört ursprünglich zum links rheinischen Friesenheim. Jetzt ist die Friesenheimer Insel ein Teil von Sandhofen. Die verbliebene Altrhein schleife wird zunächst als Floßhafen genutzt. An ihren Ufern siedeln sich nach der Spiegelfabrik (1856) nun weitere Industriebetriebe an, wie der Chemiebetrieb Boehrin-ger 1872 und die Zellstoff-Fabrik 1884. P4 Insel herrscht Brache vor, Neckar-gärten wo 1870 die Wohnbebauung in der Neckarstadt beginnt. Die BASF ist noch ein unscheinbares Unternehmen. FERNDAMPF - LEITUNGEN Seit 1964 liefert das Müllheizkraftwerk auf der Friesenheimer Insel Ferndampf an insge-samt 50 Firmen für Heizung und Prozess-wärme. RHENANIA Lagerhaus und Kran-anlage dienen aus-schließlich der Entla-dung von Ölsaaten für die Firma Bunge. Sie werden über ein Förderband hoch über dem Bonadies - hafen dorthin trans - portiert. ÖLMÜHLE Dominierende moderne Silos stellen die Siloanlage aus dem Jahr 1929 in den Schatten. Insgesamt 40 Silo-zellen sind in dem Bau von 1929 untergebracht. Zusammen mit dem vorgelagerten kubischen Klinkerbau und dem markanten Logo des Ver-eins Deutscher Ölmühlen VDO sind sie ein interessantes Beispiel mo-derner Industriearchitektur der 1920er Jahre. Sie stehen unter Denkmalschutz. KAMMERSCHLEUSE Die 1898 gebaute, ursprüngli-che Kammerschleuse wird 100 Jahre lang vor Ort bedient. Die Schleusenwärter wohnen in dem nahegelegenen Backstein-bau. Bei hohem Pegelstand wird zum Passieren der Schleu se die Brücke seitlich gedreht. DIE NECKARSPITZE Die Schleuse gleicht das Gefälle von nur 30 Zentimeter aus. Ohne Schleuse würde der Industriehafen zu schnell verschlammen. Am Ende der Schleuse sind die Öllager auf der Neckarspitze und da-hinter die BASF er-kennbar. Als in der Handelsstadt Mannheim die Industrie mehr und mehr an Be-deutung gewinnt und neue Industrie-standorte dringend gesucht werden, kauft die Kommune 1895 die Friesen-heimer Insel auf, um dort einen städ-tischen Industrie hafen anzulegen. 1897 nimmt die Firma Philipp Holz-mann am östlichen Altrhein-Ufer die Arbeiten auf. 1903 wird durch die Firma Grün & Bilfinger auch die linke Seite er-schlossen Friesenheimer Straße 2 und die Diffenébrücke ge-baut. Die stolze Bilanz bei der offiziel-len Einweihung im Stadt jubiläumsjahr 1907: über eine Million Quadratmeter nutzbares neues Gelände, alles mit Frisch- und Ab wasser erschlossen und elektrifiziert, 26 Kilometer Eisen-bahngleise für den Gütertransport, Straßenbahnen und fast zehn Kilo-meter Straßen.

24. Zwei Firmen, entstanden aus kleinen Hinterhof-Fabriken, ziehen Anfang des 20. Jahrhunderts in die fast un - bebaute zweite Reihe am Industrie - hafen und erweitern ihre beiden Unternehmen dadurch beträchtlich. 1908 baut hier Isidor Reis, Sohn des Lumpenhändlers Lazarus Hirsch Reis, eine Textilverwertungsanlage, in der Baumwollabfälle für die Papier - herstellung sortiert, gewaschen, gebleicht und zerkleinert werden. Auf das Nachbargrundstück zieht 1910 der Pumpen-Tüftler Friedrich August Neidig aus seiner Wasch - küche in der Neckarstadt. Seine 1903 gegründete Maschinenfabrik gilt als erste deutsche Zahnradpumpen - fabrik. Neidig baut auf dem freien Gelände die Fabrik- und Lagerhallen sowie eine Villa. Beide Unternehmen machen im Ersten Weltkrieg gute Geschäfte: Neidig bekommt lukrative Aufträge von der Kriegsmarine, gleich zeitig wertet die allgemeine Rohstoffknappheit die Textilabfälle auf. Nach dem Tod von Reis erwirbt Neidig dessen Unternehmen und richtet 1928 dort Produktionsanlagen für Ölkühler und Ölfilter ein, die er in die ganze Welt exportiert. Das große Metallunternehmen spielt auch in der Arbeiterbewegung eine Rolle: 1932 kommt es zu einer viermonatigen Aussperrung. 1967 streiken 400 Be - schäftigte wochenlang für die 40-Stunden-Woche. Für die Ölhydraulik macht Neidig bahnbrechende Entwicklungen. Es ist der größte Betrieb für Zahnrad - pumpen in Deutschland. Doch 1979 kommt es zum Konkurs. Noch heute stellt hier die ZPM Zahnradpumpen - fabrik Mannheim GmbH Pumpen her. 18 01 LUMPENHÄNDLER UND TÜFTLER ZPM-PUMPENFABRIK 02 04 03 05 01 Foto Januar 1914: Vor der repräsentativen Fas-sade mit der Inschrift L. H. Reis wird das Denkmal für den Sieg preußischer und russischer Truppen über Napoleon enthüllt, den Rheinübergang

Add a comment

Related presentations

Photos from Lodi Public LIbrary NJ of successful community partnership programs th...

This was presented at the Mauritius UNESCO Conference 2014 to celebrate the Inden...

The field of behavioral economics is revolutionizing the policy and business world...

Denne præsentation blev holdt 6/11-14 til et Rotary seminar. Indeholder tips og tr...

Related pages

Wege zur Industriekultur | Rhein-Neckar-Industriekultur

Hutchinson im Mannheimer Industriehafen. Nicht zu übersehen ist der blaue Schriftzug „HUTCHINSON“, der wie ein überdimensionales Werbeschild eine ...
Read more

DER MANNHEIMER INDUSTRIEHAFEN - Rhein-Neckar-Industriekultur

–2– –3– INDUSTRIEHAFEN Der Mannheimer Hafen gehört zu den bedeutenden Binnenhäfen in Europa und ist flächenmäßig der größte in Deutschland.
Read more

Wege zur Industriekultur“ Eröffnung des beschilderten ...

„Wege zur Industriekultur“ Eröffnung des beschilderten Rundwegs im Industriehafen . mit kostenfreien Busfahrten und Führungen im Industriehafen
Read more

WEGE ZUR INDUSTRIEKULTUR – der Mannheimer Industriehafen

MANNHEIMS ERSTER WEG ZURINDUSTRIEKULTUR Der Industriehafen, vor mehr als 100 Jahren gebaut, war für Mannheims Wirtschaft und die Entwicklung ...
Read more

Industriehafen Mannheim – Wikipedia

Im Industriehafen wurde 2014 eine beschilderte Rundroute unter dem Motto „Wege zur Industriekultur ... TSR Recycling im Industriehafen Mannheim, ...
Read more

Beschilderter Rundweg durch Industriehafen - Neckarstadt ...

Wege zur Industriekultur als beschilderte Rundroute im Mannheimer Industriehafen - dieses dem Bezirksbeirat Neckarstadt-West vorgetragene Konzept erhielt ...
Read more

Mannheims Industriehafen – jede Menge spannende Geschichten

Sehenswürdigkeiten im Mannheimer Industriehafen. ... Die Wege zur Industriekultur führen die Besucher aber nicht nur an großen Backsteinhäusern ...
Read more

GC5CZ6C Wege zur Industriekultur (Multi-cache) in Baden ...

Am 7.9.2014 wurde der vom Verein "Rhein Neckar Industriekultur e.V." mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitete Rundweg durch den Mannheimer Industriehafen ...
Read more

Rhein-Neckar-Industriekultur

... ausgearbeitete Rundweg durch den Mannheimer Industriehafen und die dort ... Weges zur Industriekultur“ im letzten Herbst ...
Read more

Erster Weg zur Industriekultur

Arisierung von jüdischen Unternehmen im Mannheimer Industriehafen ... In ihrem Vortrag "Raub im Industriehafen ... Erster Weg zur Industriekultur.
Read more