Reader zum Crossmedia-Modellseminar

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Information about Reader zum Crossmedia-Modellseminar

Published on March 14, 2008

Author: mediaocean

Source: slideshare.net

JOURNALISTEN-READER ERFOLG AUF ALLEN KANÄLEN Crossmedialer Lokalteil: von neuen Lesern und einem Berufsbild im Wandel Modellseminar 3. bis 7. März 2008 in Klink an der Müritz

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen INHALT Impressum ............................................................................................................................... 4 DISKUSSION AUF DEM SOFA Trüffelschweine fürs Champagner-Blatt ........................................................................5 Chefredakteursrunde diskutiert übers ideale Personal der Zeitung von morgen Dirk Lübke, Chefredakteur Zeitungsgruppe Lahn-Dill Folker Quack, Leitender Redakteur Main-Post Paul-Josef Raue, Chefredakteur Braunschweiger Zeitung IMPULSREFERATE Regionale Kompetenz auf allen Kanälen ......................................................................7 Online-Projekte als Experimentierfeld: gucken, was funktioniert Uwe Ralf Heer, Heilbronner Stimme Frank Möllers, Die Glocke, Oelde Jürgen Oehler, Kölner Stadt-Anzeiger REFERATE Zukunftschancen durch Lesernähe ................................................................................9 Web 2.0 wird Teil des Mediennutzungsverhaltens werden Steffen Büffel, Medienberater, Düren Zwischen Euphorie und Überlastung ............................................................................11 „Crossmediale Redaktionen in Deutschland“: Studierende stellen Projekt vor Julia Andert, Lena Leondaris, Hochschule Darmstadt Kompetenz gegen kulturelle Widerstände ..................................................................13 Convergence Journalism: Veränderung von Berufsbild und Ausbildung Dr. Sonja Kretzschmar, Universität Münster Mehrwert dank ungewohnter Perspektiven ................................................................15 Unterwegs mit der Videokamera: worauf es beim Dreh ankommt Björn Förster, Videojournalist, Berlin Optische Transparenz für hektische User ...................................................................17 „Multimediale Informationspakete“ als ideale Form von Crossmedia Michael Bechtel, QualityNews, Bonn „Die Größe haben, klein zu sein“ ....................................................................................19 Die Schweizer „Jungfrau Zeitung“ setzt konsequent auf Lokales Urs Gossweiler, Jungfrau Zeitung, Interlaken/CH DISKUSSION Print-Marken haben´s gut ..................................................................................................21 „Netzeitung“ und „Hauptstadtblog“ suchen ihre Zukunft im Web Domenika Ahlrichs, Netzeitung, Berlin Günter Bartsch, Hauptstadtblog, Berlin Seite 2

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen REFERATE Die Pflicht zur Veränderung ..............................................................................................23 Ohne Investitionen in den Online-Bereich werden Verlage nicht bestehen Raimondo Sanna, Munich Online GmbH, München Leser in der Rolle von Experten ......................................................................................25 Das „Franken-Wiki“ als interaktives Angebot für Überzeugungstäter Clemens Helldörfer, Nürnberger Zeitung Crossmedia auf allen Kanälen .........................................................................................27 Gute Ideen: Lokal- und Regionalzeitungen verzahnen Altes mit Neuem Jan Steeger, drehscheibe, Berlin INTERVIEW Von „Hyperlocal“ bis zum „Evergreen“ .........................................................................29 Medien www: weit weit weg – Lokaljournalismus in den USA Katja Riefler, RISolutions, München Menschlichem Verhalten auf der Spur ..........................................................................31 Neurolinguistisches Programmieren in der beruflichen Kommunikation Axel Bürger, Lippische Landeszeitung, Detmold ARBEITSGRUPPEN Ein Redakteur kann alles ...................................................................................................32 Brauchen wir Spezialisten oder Eier legende Wollmilchsäue? Arbeitsgruppe 1 Eine Nachricht, viele Wege ...............................................................................................34 Wie organisiert sich eine Multimedia-Redaktion? Arbeitsgruppe 2 Leser, User, Loser ................................................................................................................36 Welche Ansprüche hat der Leser? Arbeitsgruppe 3 Die Enkel der Revolution ...................................................................................................38 Web 4.0: Lokale Zeitung funkt rund um die Uhr auf allen Kanälen Arbeitsgruppe 4 ANHANG ..................................................................................................................................40 - Programm - Teilnehmendenliste Seite 3

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen IMPRESSUM Veranstalter Bundeszentrale für politische Bildung/bpb Fachbereich Multimedia Journalistenprogramm Berthold L. Flöper Adenauerallee 86 53113 Bonn Uwe Röndigs Telefon 0228 99515-558 Zeitungsgruppe Lahn-Dill Telefax 0228 99515-498 Weilburger Tageblatt E-Mail Berthold.Floeper@bpb.bund.de E-Mail: u.roendigs@mittelhessen.de Tagungsorganisation Anke Vehmeier Gabriele Prues (bpb) medienfabrik Telefon 0228 99515-555 Büro Bonn Telefax 0228 99515-405 E-Mail: vehmeier@medienfabrik.de E-Mail Gabriele.Prues@bpb.bund.de Journalisten-Reader Seminarleitung Volker Dick Joachim Braun Freier Journalist Tölzer Kurier 51643 Gummersbach Bad Tölz Telefon 02261 926212 E-Mail: joachim.braun@merkur-online.de Telefax 02261 926224 E-Mail Volker.Dick@buchstabensuppe.net Regina Krömer Main-Post Live-Blog Kitzingen http://www.drehscheibe.org/weblog E-Mail: regina.kroemer@mainpost.de Steffen Büffel Medienberater Modellseminar-Team Telefon 0151 17278431 Katja Dartsch E-Mail steffen.bueffel@media-ocean.de Braunschweiger Zeitung Braunschweig Tagungsstätte E-Mail: katja.dartsch@bzv.de Schlosshotel Klink Schlossstraße 6 Eberhard Renz 17192 Klink (Müritz) Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten Telefon 03991 747-0 Stuttgart Fax 03991 747-299 E-Mail: e.renz@blick-vom-fernsehturm.zgs.de Web: www.schlosshotel-klink.de Seite 4

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen DISKUSSION AUF DEM SOFA Der neue Redakteur: Alleskönner oder Spezialist? Trüffelschweine fürs Champagner-Blatt Chefredakteursrunde diskutiert übers ideale Personal der Zeitung von morgen Welche Journalisten wer- den in Zukunft gefragt sein? Vor allem die mul- timedialen Alleskönner oder die spezialisierten Rechercheure? Darüber diskutieren Dirk Lüb- ke, Chefredakteur Zei- tungsgruppe Lahn-Dill, Folker Quack, Leitender Redakteur der „Main- Post“, und Paul-Josef Raue, Chefredakteur der „Braunschweiger Zei- Dirk Lübke, Folker Quack, Regina Krömer, Paul-Josef Raue (v. l.) tung“. Raue formuliert es gleich in seinem Ein- übernehmen“. gangs-Statement: „Journalismus wird online Dass auch im Netz wann immer möglich nicht neu erfunden“, betont er, „wir sollten Qualitätsjournalismus gepflegt werden soll, uns darauf konzentrieren, was wir schon formuliert Folker Quack als Ziel. Aber wenn seit Jahren mit dem Printprodukt erfolgreich es mal besonders schnell gehen muss, betreiben.“ Zwar hält auch er Veränderun- kann man im Internet von diesem Anspruch gen für wahrscheinlich, doch zweifelt er an auch mal Abstriche zulassen, schränkt er einem grundsätzlichen Wandel des Berufs- ein. Besonders weist Quack auf die Not- bilds. „Die Redaktion der Zukunft wird klei- wendigkeit hin, die Mitarbeiter zu schulen. ner sein, die Redakteure werden vor allem „Im Web müssen ganz andere Regeln planerisch sowie strategisch arbeiten und beachtet werden, etwa bei der Verwendung viele gut bezahlte Freie betreuen“, so Raue. von Hypertext oder wenn es darum geht, Auch Dirk Lübke hält die bewährten Fähig- ein Storyboard für ein Video zu schreiben“, keiten eines Journalisten hoch, weist gleich- unterstreicht er. Als Beispiel nennt er eine zeitig aber darauf hin, dass inzwischen mehr erfolgreiche Fortbildung der Main-Post in verlangt wird: „Der Redakteur von heute Sachen Suchmaschinen: Nachdem die muss das Können entwickeln, mehrkanalig maßgeblichen Redakteure gelernt hatten, zu denken.“ In erster Linie hat Lübke dabei wie Google funktioniert, landeten Artikel des drei Wege vor Augen – Print-Text, Foto und Blattes wesentlich öfter auf den vorderen die aktuelle Kurzmeldung fürs Web: „Das Plätzen bei Suchanfragen – die Quote der muss ein Redakteur bedienen können.“ Als Spitzenränge stieg von 5 auf 30 Prozent. Kameramann sieht er ihn aber auch künftig Die Ansicht, dass crossmediale Elemente nicht, „das können freie Videoproduzenten „mal eben schnell“ in Webauftritte zu inte- Seite 5

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen grieren sind, zerstreut auch Dirk Lübke: „Um viel besseren Ausbildung hin. Die fordert eine gewisse Qualität zu erreichen, muss ich Folker Quack besonders mit Blick auf cross- Zeit investieren“, schildert er eigene Erfah- mediales Wissen und Fertigkeiten. Denn rungen im Umgang mit der Kamera, „selbst seiner Ansicht nach wird die Zeitung in zehn ,Quick & Dirty‘ braucht gewisse Zeit.“ Im Jahren Material für gehobene Leseansprü- Zusammenhang mit Crossmedia besteht für che liefern, zu einer „Champagner-Zeitung“ ihn die Weiterbildungsaufgabe eines Zei- werden mit weniger Abonnenten, aber vielen tungshauses zunächst darin: „Die Redakteu- „Beibooten“ – „und deren wichtigstes wird re müssen verstehen und ein Bewusstsein das Web sein“. Deshalb plädiert er dafür, dafür entwickeln, was mit Multimedialität den Online-Bereich personell zu stärken: gemeint ist.“ „Das Internet ist das einzige Medium, das Zuwachsraten verzeichnet. Wenn´s so wei- Zeitung bleibt Leitmedium tergeht, wird es auch finanziell interessant“, Paul-Josef Raue hält das allerdings für kontert er einen Einwand Paul-Josef Raues kein neues Thema und blickt zurück auf im Hinblick auf die Finanzierbarkeit von jahrzehntelange Volontärsausbildung, wo Web-Angeboten. das Kennenlernen von Radio und Fernse- „Wir sollten nicht noch einmal den An- hen für Printjournalisten selbstverständlich schluss im Netz verpassen wie bei den war. „Jemand, der eine Kamera hält, muss Kleinanzeigenmärkten und auch noch nicht Journalist sein“, leitet er über zu unsere journalistische Kompetenz im Web seiner Kernthese, dass dank exzellenter an andere verlieren“, mahnt er und fährt fort: Journalisten und einer Konzentration auf „Wir müssen vor allem eine zielgruppenspe- die eigentliche Profession die gedruckte zifische Ansprache lernen.“ Zeitung auch in Zukunft Leitmedium bleiben wird. Raue sieht „idyllische Zeiten“ nahen, Kontakt: in denen gleich mehrere Blätter, Bücher und Dirk Lübke Zeitschriften ein regionales Info-Monopol Tel.:06441 959595 begründen werden und Journalisten als E-Mail: d.luebke@mittelhessen.de recherchierende „Trüffelschweine“ das We- sentliche im Chaos der Informationen finden. Folker Quack Dirk Lübke schätzt, dass Zeitungen künftig Tel.: 0931 6001-236 in erster Linie für Hintergrundinformationen E-Mail: folker.quack@mainpost.de sorgen müssen. „Bestimmte Inhalte werden in zehn Jahren aus dem Blatt verschwunden Paul-Josef Raue sein, etwa rein Chronistisches“, prophezeit Tel.: 0531 3900-300 er und weist auf den Bedarf nach einer noch E-Mail: paul-josef.raue@bzv.de Z UR PERSON Dirk Lübke Jahrgang 1960, seit Febru- Z UR PERSON Folker Quack Geboren 1961 in Bad Z UR PERSON Paul-Josef Raue 1950 geboren; Chefredakteur ar 1999 Chefredakteur der Neustadt/Saale; Studium der der „Braunschweiger Zeitung“; Zeitungsgruppe Lahn-Dill im Politik, Germanistik, Soziolo- davor Chefredakteur u. a. bei hessischen Wetzlar mit Vollre- gie und Geschichte; seit 1990 der „Volksstimme“ Magdeburg, daktion und acht Lokalredak- bei der Main-Post, 2003 Leiter „Frankfurter Neue Presse“, tionen. Zuvor Chefredakteur des Newsdesks Aktuelles; „Oberhessische Presse“, Mar- beim „Remscheider Gene- seit Oktober 2005 Leitender burg. Mit Wolf Schneider Autor ral-Anzeiger“ (1995-99) und Redakteur und Mitglied der von „Das neue Handbuch des Ressortleiter bei der „Neuen Chefredaktion der Main-Post; Journalismus“. Tätigkeit in der Presse Hannover“. verantwortlich für Crossmedia. Journalisten-Fortbildung. Seite 6

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen IMPULSREFERATE Die Crossmedialen – Wo die Zukunft schon begonnen hat „Regionale Kompetenz“ auf allen Kanälen Online-Projekte als Experimentierfeld: gucken, was funktioniert Für manche klingen sie noch nach Zukunfts- musik, doch viele Verlage experi- mentieren bereits mit Crossmedia- Projekten – bei unterschiedli- chem Erfolg. Drei ambitionierte Beispiele liefern Uwe Ralf Heer, Chefredakteur der „Heilbronner Uwe Ralf Heer, Jürgen Oehler, Frank Möllers (v. l.) daktion auf Filme, Stimme“, Jürgen die die Pressekon- Oehler, Onlinechef des „Kölner Stadt- ferenzen des Eishockey-Clubs „Heilbronner Anzeigers“, und Frank Möllers, Leiter Falken“ dokumentieren. Über den Online- Organisation bei „Die Glocke“, Oelde. Auftritt sind aber auch Einzelstücke abrufbar, etwa exklusive Bilder aus dem Innern eines Knapp ein Jahr alt ist „Stimme TV“, das noch nicht eröffneten Einkaufszentrums. Web-TV-Angebot aus Heilbronn. Drei Manches, was die Filmer der Stimme ablich- Absolventen der Hochschule für Medien ten, kann nachher auch für kleines Geld auf in Stuttgart hat der Verlag dafür eingestellt DVD angefordert werden. – aus gutem Grund. „Nichts wäre peinlicher, „Was wir zu bieten haben, ist regionale als sich vor der Kamera lächerlich zu ma- Kompetenz“, unterstreicht Ralf Uwe Heer, chen“, sagt Chefredakteur Uwe Ralf Heer. „damit müssen wir wuchern.“ Um die im Deswegen muss auch kein Redakteur ins Web-TV umsetzen zu können, ist Fortbil- Bild, der nicht wirklich will. Heer selbst wollte dung nötig und die Bereitschaft, Zeit zu und bestreitet einmal pro Woche „360°“, investieren: „Einen News-Beitrag zu produ- seine in Szene gesetzte Print-Kolumne, fünf zieren, kann bis zu sechs Stunden dauern.“ Minuten lang und an verschiedenen Plätzen 1300 Zuschauer erreicht Stimme TV im aufgenommen. „Das gucken vor allem die, Schnitt, der Fokus bleibt für Heer aber klar: die fürchten, darin vorzukommen.“ „Das Entscheidende ist die Tageszeitung, da Außerdem bietet Stimme TV weitere For- entsteht journalistische Qualität.“ mate, beispielsweise „Traut Euch“, in dem Auf die Stärken Individualität und Regio- sich Hochzeitspaare vorstellen und eine nalität setzt auch der Kölner Stadt-Anzeiger Traumhochzeit gewinnen können. Zwischen mit seinen vielfältigen Web-TV-Angeboten, 1000 und 1500 Zugriffe verzeichnet die Re- die teilweise auf Inhalte des Print-Produkts Seite 7

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen aufsetzen. Etwa „Alles wird gut“, in der neue Handy-Dienste erarbeitet. Frank Möllers Besitzer für Tiere gesucht werden. Die Reihe erklärt, warum: „Mit dem Handy habe ich erscheint bereits seit Jahren in der Zeitung, den direkten Draht zum Kunden und den bis die Autorin beschloss, vor die Kamera zu sollte ich auch nutzen.“ Er spricht von „1000 gehen. Der Aufwand für die TV-Formate ist Möglichkeiten“, die in Frage kommen und unterschiedlich: Manchmal dauert eine Pro- besonders dann interessant sind, wenn es duktion zwei Wochen, bisweilen aber auch um regionale Dienste geht – beispielsweise nur einen Nachmittag. Künftig sollen auch schnelle Handy-Infos bei Wahlen oder die Lokalredaktionen Videobilder liefern – alle Unfallmeldung mit integrierter Umleitungs- werden derzeit mit Camcordern ausgestat- Empfehlung. Nutzwert muss dabei sein, ob- tet. Mit der Gestaltung der Filme haben die wohl nur 160 Zeichen zur Verfügung stehen. Redakteure allerdings nichts zu tun: Das „Solche Angebote funktionieren nur, wenn wird in der Online-Redaktion erledigt. man sie vernünftig bewirbt und crossmedial Der Ansatz „Online first“ bedeutet laut angeht“, betont Möllers. Daher wird in der Jürgen Oehler auch, sich personell besser Glocke immer wieder auf den Dienst hinge- aufzustellen. In seiner Redaktion wurde ein wiesen und es werden Erklärstücke geliefert zusätzlicher Frühdienst eingeführt, damit mit genauen Anleitungen zur Bedienung. nun von 7 bis 23.30 Uhr Inhalte aktualisiert „Wir haben derzeit dreistellige Nutzerzah- werden können. Teilweise gestalten die len“, informiert er. Das Handy-Portal birgt Lokalredaktionen ihre Online-Seiten selbst. acht Rubriken, wobei die regionalen Inhalte Insgesamt werden im Haus Themen häufig ganz oben stehen. Möllers: „Bundesliga-Er- crossmedial aufbereitet. So gab es eine klei- gebnisse liefert schließlich jeder.“ ne Printserie zum Thema „Straßen“, die im Web mit großer Resonanz fortgeführt wurde: Kontakt: „Da kamen mehr als 200 Beiträge zusam- Ralf Uwe Heer men“, berichtet Oehler – und einer bot genü- Tel.: 07131 615365 gend Stoff für eine filmische Umsetzung. E-Mail: uwe.heer@stimme.de Der Kölner Online-Chef hebt zudem den experimentellen Charakter des Angebots Jürgen Oehler hervor: „Wenn etwas im Netz nicht funktio- Tel.: 0179 1350760 niert, dann lassen wir es eben.“ Maßgeblich E-Mail: juergenoehler@web.de ist für ihn: „Wir wollen uns mit Themen aus- einandersetzen, die auch mit der Printredak- Frank Möllers tion zusammen realisiert werden können.“ Tel.: 02522 73-134 „Die Zukunft ist mobil“, lautet das Motto der E-Mail: moellers@die-glocke.de in Oelde erscheinenden „Glocke“, die mobile Z UR PERSON Uwe Ralf Heer Jahrgang 1965; Studium Z UR PERSON Frank Möllers Geboren 1974 in Enniger; Stu- Z UR PERSON Jürgen Oehler Der 54-jährige Ressortleiter Deutsch, Geschichte und dium der Volkswirtschaftsleh- Online des „Kölner Stadt-An- Politik; sieben Jahre Sportre- re, Uni Bielefeld; 2000-2002 zeigers“ wurde in Hamburg dakteur bei der „Heilbronner Volontariat bei der „Glocke“, geboren; studierte Deutsch, Stimme“; 2000 Abstecher als Oelde, danach Redakteur der Geschichte, Erziehungswis- Sportchef zum „Wiesbadener Kreisredaktion Gütersloh und senschaft und Sport; ab 1988 Kurier“; seit Juli 2006 Chefre- in der Mantelredaktion; ab Redakteur Lokalsport beim dakteur der „Stimme“, zuvor März 2006 Vertreter des CvD; Stadt-Anzeiger; seit 2001 in ab 2002 dort Redaktionsleiter seit August 2007 Leiter Organi- der Online-Redaktion, seit bei der „Hohenloher Zeitung“. sation der Redaktion. 2005 als deren Leiter. Seite 8

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen REFERATE Steffen Büffel warnt vor Wunschdenken in Zeitungshäusern Zukunftschancen durch Lesernähe Web 2.0 wird Teil des Mediennutzungsverhaltens werden Eine Zukunft, in der Zeitungen keine Rolle mehr spielen? Der Kurzfilm „epic 2015“ zeichnet ein solches Szenario. Medienberater Steffen Büffel zeigt ihn zu Beginn seines Referats und würzt den Vortrag mit provokanten Thesen – die allerdings sämtlich auf wis- senschaftlicher Basis stehen. „Zeitung & Co., Medien zum Weg- rennen“; „die Zeitung ist das Medium der Urgroßeltern, das Fernsehen das der Eltern“: Angesichts solcher Formulierungen muss Steffen Büffel nicht mit mangelnder Aufmerksam- keit rechnen – im Gegensatz zur Zeitung, deren Reichweite während der vergangenen zehn Jahre bei den der Befragten das Internet als wichtigste In- unter 50-Jährigen stark abgenommen hat. formationsquelle. „Was die Zeitung vor zehn Büffel liefert Zahlen aus der ARD/ZDF-Lang- Jahren war, ist nun das Netz, das hat sich zeitstudie Massenkommunikation. Danach gedreht“, informiert er. In den USA steckt der haben bei der Mediennutzung die elektro- Journalismus in der Krise, so Büffel, viele nischen Medien immer gewonnen, wäh- Menschen fühlen sich durch ihn nicht mehr rend es bei der Zeitung abwärts ging. Das angesprochen. Internet dagegen verzeichnet seit dem Jahr 2000 steile Zuwächse. Insgesamt nutzten Erfolg mit Nischenthemen die Deutschen 2005 täglich im Schnitt 600 Umso mehr boomt das Bloggen. Die Minuten lang verschiedene Medien. Suchmaschine Technorati verzeichnet über Warum davon immer weniger für die Zei- 70 Millionen bestehende Blogs und täglich tung abfallen? „Die Alternativen zur Zeitung kommen laut Steffen Büffel 120.000 dazu. sind zahlreich“, stellt der Medienberater fest, Zur Erklärung des Erfolgs dient der „Long- „das Bewusstsein darüber ist nur noch nicht Tail-Ansatz“: Entlang des langen Ratten- bei den Machern angekommen.“ Und das, schwanzes der Medienwelt tummeln sich die obwohl Web-Formate wie Wikis und Blogs Nischenthemen und Netzwerkmedien; der längst nicht mehr wirklich neu sind. Steffen Versandhändler Amazon erzielt 57 Prozent Büffel richtet den Blick auf die USA, wo sei- seines Umsatzes aus Büchern, die nur in ner Auskunft nach das Internet in bestimm- Mini-Auflagen erscheinen. „Der Long Tail ten Altersgruppen bereits als Leitmedium wächst immens“, bekräftigt der Medienbera- gilt. In einer Studie bezeichneten 48 Prozent ter, um daran anschließend zu fragen: „Wie Seite 9

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen kann die Zeitung davon profitieren?“ Seine Die Zeitung wird sich in Richtung eines tägli- Antwort dazu: „Die Zeitung sollte Teil dieser chen Nachrichtenmagazins wandeln. Plattform werden, sollte mitspielen auf der 3. Der Qualitätsjournalist der Zukunft muss Internet-Bühne.“ Als Beispiel nennt Büffel die ein Abitur im Fach „Netzkultur“ vorweisen! Diskussionen in Blogs über Themen, die von Eine fundierte Kenntnis wird entscheidend den traditionellen Medien transportiert wur- für seine Urteilsfähigkeit sein. den: „Diese Auseinandersetzungen könnten 4. Der Journalist der Zukunft muss alle Ka- die Zeitungen ihrerseits wieder aufgreifen.“ näle beherrschen, auch den Rückkanal! Das heißt, er muss Kontakte herstellen, pflegen Web 2.0 kein Hype und nutzen. Steffen Büffel: „Natürlich gibt Blogs zu ignorieren und für einen kurzlebi- es Besserwisser, aber auch solche, die es gen Trend zu halten, scheint ihm fahrlässig. tatsächlich besser wissen.“ „Web 2.0 wird Teil des Mediennutzungsver- 5. Der Qualitätsjournalist der Zukunft haltens werden“, unterstreicht er, „das ist braucht Streit- und Kritikfähigkeit! „Er muss kein Hype.“ Tatsächlich nennt er beachtliche vom hohen Ross herunterkommen“, fordert Zahlen: 2006 gab es in Deutschland 6,6 der Medienberater. Millionen Blog-Leser, was 32 Prozent der In- ternet-Nutzer entspricht; 7 Prozent betrieben Kontakt: ein eigenes Weblog. Es sind vor allem die Tel.: 02421 2048831 jungen Nutzer, die sich mit Web 2.0 befas- E-Mail: steffen.bueffel@media-ocean.de sen – und bei den Angeboten liegt Wikipedia vorn, erläutert Steffen Büffel, der mit seinen Aussagen keine Illusionen über eine neue Zeitungsära aufkommen lassen will: „Wieso sollten die Jungen in einem bestimmten Alter plötzlich Zeitung lesen? Das ist Wunschden- ken.“ Kinderzimmer als Multimediaräume Kinderzimmer sind inzwischen Multimedia- räume, „die Zeitung wird durchgereicht“, so Büffel. Und die Kannibalisierungsdebatte dreht er um: „Wer im Web keine Inhalte anbietet, der kannibalisiert sich selbst, weil er im Netz nicht gefunden wird.“ Besonders vor dem Hintergrund, dass nach seiner Einschätzung künftig im Internet „ein Batzen Z UR PERSON Steffen Büffel Geboren 1975, Studium der Geld“ zu verdienen ist. Bisher aber gibt es Medienwissenschaft, germa- kaum Online-Werbevermarktung bei den nistischen und anglistischen Zeitungen, berichtet er. Viele Anzeigenab- Linguistik in Trier. Freiberuflich teilungen haben keine Ahnung vom Internet: tätig als Experte in Sachen „Es wird nicht einmal darüber nachgedacht, Social Media. Berät und sich darum zu kümmern.“ unterstützt Unternehmen in Wie die Zeitung dennoch zu retten ist, schil- den Bereichen Crossmedia, dert Steffen Büffel anhand von fünf Thesen: Usability und Weiterbildung. 1. Die Zeitung der Zukunft ist nicht crossme- Verschiedene Projekte für dial. Sie ist lesernah! deutsche Zeitungsverlage im 2. Die gedruckte Zeitung wird künftig die Sektor Neue Medien. ideale Ergänzung für das (mobile) Web sein! Seite 10

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen Journalisten 3.0 beta – Herausforderungen und Anforderungen Zwischen Euphorie und Überlastung „Crossmediale Redaktionen in Deutschland“: Studierende stellen Projekt vor „Crossmediale Redaktionen in Deutschland“: Diesen Titel trägt ein Projekt der Hoch- schule Darmstadt in Koope- ration mit CCI Europe und der Ifra. Die Ergebnisse sind Gegenstand des Referats von Julia Andert und Lena Leondaris, die beide Online- Journalismus an der Hoch- schule Darmstadt studieren und an dem ein Semester umfassenden Projekt für Stu- dierende beteiligt waren. Fünf Zeitungsredaktionen Julia Andert (l.) und Lena Leondaris hatte das Projektteam unter die Lupe genommen, sich an Ort die Vorteile der räumlichen Nähe für eine und Stelle ein Bild gemacht und Interviews intensivere Kommunikation.“ Dennoch wie- mit Redakteuren geführt – nicht nur mit sen beide Studentinnen auf die kontroverse deren Chefs. Untersucht wurden die „Welt- Diskussion hin, ob Großraumbüros journa- Gruppe“ in Berlin, das „Handelsblatt“ in listische Qualität eher mindern oder steigern. Düsseldorf, der „Kölner Stadt-Anzeiger“, der „Südkurier“ in Konstanz und die „Hessische/ Größter Newsroom Deutschlands Niedersächsische Allgemeine“ in Kassel. Vor Julia Andert beschreibt den riesigen News- allem interessierte die 19 Studierenden, wie room der „Welt“, den größten in Deutsch- die Redaktionen mit den Herausforderun- land. Dort orientiert sich die „Sitzordnung“ gen der Konvergenz umgehen, wie sie die an „Chefbalken“ und „Ressortbalken“, die Arbeitsabläufe strukturiert haben und was Redakteure sind eingeteilt nach der „Coca- künftig auf sie zukommen könnte. Cola-Formel“: 70 Prozent arbeiten horizontal Dabei stießen sie trotz der unterschiedli- für nur ein Medium, 30 Prozent vertikal für chen Größe der Einheiten auf zwei Gemein- mehrere Medien der Welt-Gruppe. Zu deren samkeiten: Keine Redaktion verfügte über Angebot zählen laut Julia Andert das dreimal ein gemeinsames Content-Management- täglich aktualisierte „Welt Online TV“ mit System für Print und Online; bevorzugt Nachrichten und das Internet-Forum „Debat- wurde in Großraumbüros gearbeitet, den te“. Beim Handelsblatt saßen ihrer Auskunft sogenannten „Newsrooms“. „Die Atmos- nach die Online-Redakteure zunächst an phäre dort schilderten die Redakteure nicht einem eigenen Desk ohne Integration in ausschließlich als laut und unruhig“, be- Ressorts, gehören aber seit April 2007 auch richtet Lena Leondaris, „viele lobten auch zur Newsroom-Besatzung. Eins fiel den Seite 11

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen beiden Studentinnen in Düsseldorf auf: In Organisationsstruktur wird seit 2003 durch Sachen Fortbildung absolvierten die Printre- vier regionale Newsdesks bestimmt. dakteure Praktika bei ihren Online-Kollegen. Generell stießen die Studierenden auf zwei Der Claim beim Handelsblatt insgesamt gegensätzliche Einstellungen von Redak- lautete: „Die Marke Handelsblatt kann ohne teuren in puncto Crossmedia. „Es gibt sehr das Web nicht bestehen.“ euphorische Journalisten, die sich über Experimentiergeist stellten die Studieren- die neuen Aufgaben freuen, andere klagen den bei der Hessischen/Niedersächsischen dagegen vor allem über die zusätzliche Allgemeinen fest, vor allem anhand ihrer Arbeitsbelastung“, so Lena Leondaris. Profilierung mit „online only“-Inhalten. „Dort Als Fazit des Projekts halten die beiden wird sehr viel mit Video und Web 2.0 ge- Studentinnen fest, dass ein neuer Arbeits- arbeitet“, erläutert Julia Andert. Mit den rhythmus gefragt sein wird – weg vom star- „Breaking News“ verfügt die HNA über ein ren Redaktionsschluss, hin zu mehr Flexibi- Videoformat zur Nachrichtenpräsentation lität. „Außerdem müssen Themen frühzeitig im Web. „Und am Kassel-Wiki dürfen sich und Plattform übergreifend geplant werden“, auch Leute beteiligen, die ihr Wissen nur auf lautet eine weitere Folgerung aus den Pro- Papier weitergeben können – das wird dann jekt-Erfahrungen. Das aktive Publikum im ins System eingepflegt“, ergänzt sie. Internet scheint den Studentinnen ideal, um „Die Redakteure werden dazu angehalten, Rückschlüsse auch auf Inhalte der gedruck- multimedial zu denken“, lenkt Lena Leonda- ten Ausgabe zu ziehen: „Print-Redakteure ris den Blick auf die Online-Abteilung beim interessieren sich für die Klicks im Web und „Kölner Stadt-Anzeiger“. Multimedia ist dort sind oft erstaunt, welche Themen online gut nach ihren Informationen bereits seit Jah- gehen. Das kann die Druckausgabe positiv ren ständiges Thema. Beim Besuch in der beeinflussen.“ Redaktion bemerkte das Projektteam eine positive Grundstimmung der Online-Journa- Kontakt: listen, gepaart mit der Einschätzung, dass Julia Andert die Arbeit viel Abwechslung bedeutet. Tel.: 0177 8532797 Viel Spaß an der Arbeit registrierten die E-Mail: julia.andert@gmx.net Studierenden auch beim Südkurier in Konstanz. „Das Blatt widmet den Lesern Lena Leondaris besondere Aufmerksamkeit“, bemerkt Lena Tel.: 0176 23309270 Leondaris mit Blick auf die Einrichtung des E-Mail: lleondaris@web.de „Leserreporters“: „Außerdem fokussiert der Südkurier sein Online-Angebot stark und will Download der Ifra-Studie unter: die Nummer 1 in der Region werden.“ Die www.ifra.com/newsplex_hda Z UR PERSON Julia Andert Jahrgang 1984; Studentin Z UR PERSON Lena Leondaris 1985 geboren; studiert Online- Online-Journalismus, Schwer- Journalismus, Schwerpunkt punkt Journalismus, an der Journalismus, an der Hoch- Hochschule Darmstadt; schule Darmstadt; Praktika Praktikum und freie Mitar- u. a. bei ProSiebenSat1 beit bei „Karriere Magazin“, GmbH und SevenOne In- Verlagsgruppe Handelsblatt; termedia in München; freie Werksstudentin bei FAZ.NET Mitarbeit bei der Mannheimer in Frankfurt/Main; Tätigkeit als Wochenblatt GmbH; Referen- Referentin für Fachkongresse. tin auf Fachkongressen. Seite 12

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen Dr. Sonja Kretzschmar schildert die Folgen von Crossmedia Kompetenz gegen kulturelle Widerstände Convergence Journalism: Veränderung von Berufsbild und Ausbildung Was hierzulande unter „crossmedialem Journalismus“ läuft, heißt in den USA: „Convergence Journalism“. Gemeint ist im Grunde das Gleiche: das Zusammen- wachsen einst verschiedener Welten – mit allen Konsequenzen für die Medien- landschaft und die Anforderungen an Journalisten. Welche Folgen zu erwarten sind, skizziert Dr. Sonja Kretzschmar vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster. „Convergence Journalism oder Konzentra- tionsjournalismus entsteht, wenn verschie- dene Medien in Konzentrationsprozessen gefangen sind“, beginnt Sonja Kretzschmar ihr Referat mit einer Definition, um gleich darauf ganz praktisch in die USA zu blicken. Dort hat der Begriff eine andere Qualität erhalten, seit durch neue Rechtsvorschriften vielfältige Verflechtungen der Medienhäuser möglich geworden sind. In einem liberalisier- ten Medienmarkt haben sich Großkonzerne gebildet, die auf ein verändertes Nutzungs- verhalten junger Konsumenten mit verschie- denen Projekten reagieren. Und die weisen prägt ist. „Content sharing“ dagegen zeich- unterschiedliche Grade von Kooperation auf, net sich durch Gemeinsamkeit aus, wobei die im „Convergence Continuum“ ablesbar allerdings weiterhin Kollegen verschiedener sind, das die Wissenschaftlerin erläutert. Mediengattungen parallel arbeiten. Unter „Convergence“ schließlich wird die vollstän- Abgestufte Kooperation dige Vereinigung verstanden, ein Zustand, in Demnach besteht die geringste Form der dem beispielsweise ein Kollege alle Medien Zusammenarbeit in der „Cross Promotion“ bedient. zwischen Medien, während die nächste Stu- Ist das dann der viel beschworene Su- fe, das „Cloning“, bereits die 1:1-Übernahme perreporter? An dieser Stelle weist Sonja von Print-Inhalten in den Online-Auftritt um- Kretzschmar auf mehrere Gefahren hin, fasst. Die „Coopetition“ sieht schon eine weit die ein solches Berufsbild einschließt: „Je gehende Kooperation vor, die aber noch von mehr Medien zu bedienen sind, desto eher Misstrauen und Wettbewerbsgedanken ge- werden Deadlines verpasst“, schildert sie Seite 13

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen eine Folge, und: „Die Wahrscheinlichkeit dazu geht es um eine flexible Denk- und steigt, sich inhaltlich auf den verschiedenen Arbeitsweise sowie um Softskills wie bei- Plattformen zu wiederholen und auch die spielsweise Teamfähigkeit. Gerade in die- Spezifika der jeweiligen Medien werden sem Punkt sieht die Referentin noch große nicht genutzt.“ Das Resultat: „Journalistische Probleme, auch in Deutschland: „Es gibt oft Angebote verlieren an Qualität.“ kulturelle Widerstände in den Redaktionen, die Journalisten haben eher das Einzel- Neuer Workflow kämpfertum gelernt. Außerdem pflegen viele Als mögliche Lösung des Dilemmas be- ihre Vorurteile gegenüber den Kollegen aus schreibt sie eine „Workflow-Vision“, die mit anderen Medien.“ In Sachen Ausbildung neuen Berufsbildern verbunden wäre: Es wird ihrer Auskunft nach jedenfalls viel Neu- gäbe den „Newsflow-Editor“, eine Mischung es in die Lehrpläne aufgenommen werden aus Chefredakteur und CvD, der sich auf müssen; denn selbst handwerkliche Kompe- Themen konzentriert und überlegt, über wel- tenzen verändern sich, etwa mit Blick auf die chen Kanal sie am besten vermittelt werden Methoden der Internet-Recherche. könnten. Dann käme der „Storybuilder“ als Schnittstelle zwischen Editor und Reporter Neue kreative Möglichkeiten ins Spiel, bei dem Elemente zusammenlau- Trotzdem bietet Konvergenz ihrer Ein- fen, die er an die jeweiligen Redaktionen schätzung nach neue kreative Möglichkeiten weiterleitet. Die Position des „News Resour- bei der Umsetzung von Themen. Und zum cers“ dient vor allem dazu, Informationen zu Beispiel auch das multimediale Erzählen recherchieren, zu archivieren und zugäng- innerhalb von Schulprojekten der Zeitungen lich zu machen: eine Art Super-Bibliothe- betrachtet sie als neue Chance. Ihre Contra- kar. Schließlich sieht das Modell noch den Argumente: mögliche Entwertung journalis- „Multiskilled Journalist“ vor, einen Redakteur, tischer Arbeit, Tarifflucht und Outsourcing, der zumindest bimedial arbeiten kann und jüngere ersetzen ältere Redakteure, werden für Texte, Töne und Bilder zuständig ist. dabei aber schlechter bezahlt, wie eine Sonja Kretzschmar erläutert die Kon- Studie von 2006 zeigt. „Mehr als 50 Prozent sequenzen solcher Änderungen auf das der Befragten berichteten von Einkommens- Z Berufsbild, verlusten in den vergangenen fünf Jahren“, UR PERSON bezogen auf so Sonja Kretzschmar. Steht also bald ein Dr. Sonja Kretzschmar US-Verhältnisse: journalistischer Mindestlohn zur Debatte? Geboren 1970 in Frankfurt/ Kompetenz in Main; 1990-96 Journalistik- einem bestimm- Kontakt: studium in Dortmund und ten Medium ist Tel.: 089 45080102 Edinburgh; Volontariat bei entscheidendes E-Mail: sonja.kretzschmar@googlemail.com der „Berliner Zeitung“, freie Einstellungs- journalistische Tätigkeit bei kriterium; das Online- und elektronischen Schreiben gilt als Links zum Beitrag: Medien; Moderationsredakteu- Schlüsselqualifi- rin bei den „Tagesthemen“; seit kation; mehrme- • http://cmp.journalistik-dortmund.de/ 2002 am Institut für Kommu- • crossmedia uni dortmund diale Produktion nikationswissenschaft der Uni • http://risingfromruin.msnbc.com/ wird gefragt; Münster, Forschungsschwer- stories.html rhetorische und punkte: internationale und • multimedia award analytische interkulturelle Kommunikation, • http://www.montgomeryboycott.com/ Fähigkeiten sind • multimedia award Journalismus und europäische ebenso wichtig • http://multimedia.journalism.berkeley.edu/ Öffentlichkeit, Konfliktjournalis- wie Manage- tutorials/reporting/starttofinish/ mus, Fernsehpraxis. ment-Qualitäten; • multimedia tutorial Seite 14

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen Björn Förster gibt Tipps – damit die Einstellung stimmt Mehrwert dank ungewohnter Perspektiven Unterwegs mit der Videokamera: worauf es beim Dreh ankommt Mal eben ein Video drehen? Dass so etwas auf die Schnelle nicht funktioniert, zeigt der Berliner Videojournalist Björn Förster. Er geht in seinem Vortrag zwar auch auf die optimale technische Ausrüs- tung ein, erklärt aber vor allem, worauf beim Erstellen qualitativ ansprechender Filme geachtet werden muss – abseits von Home-Videos und Youtube-Gewa- ckel. Die Technik macht´s möglich: Während vor zehn Jahren digitale Videokameras noch 12 Kilo gewogen haben, bekommt man die glei- che Leistung heute im kompakten leichten Gehäuse. Doch sollte beim Kauf auf einiges geachtet werden, informiert Björn Förster – beispielsweise darauf, nicht auf die Kame- raautomatik angewiesen zu sein. „Manuelle Einstellungen sind im Zweifel immer besser.“ So können Schärfe, Brennweite (Zoom) und Weißabgleich optimal eingestellt werden. Außerdem weist er darauf hin, dass zu gu- Gelegenheit zu suchen sich abzustützen. ten Bildern auch guter Ton gehört. Und der Außerdem sollten Bilder immer 7 Sekunden lässt sich mit Hilfe eines externen Mikrofons, lang stehen gelassen werden, was sich laut befestigt an einer „Tonangel“, eher erreichen Förster günstig im späteren Schnitt bemerk- als mit eingebauten Mikros. Aus seiner Sicht bar macht. Deutlich warnt er vor unnötigen außerdem unverzichtbar ist das Kamerasta- Zooms und Schwenks, die man nur bewusst tiv: „Das sorgt für ruhige Bilder und man einsetzen sollte. „Der Sucher ist nicht dazu sollte es so oft es geht verwenden.“ da, die Bilder zu suchen“, ergänzt der Kame- So eine komplette Ausrüstung kann schnell ramann, „wenn jemand zoomt, sollte er im- bis zu 10.000 Euro kosten: mehr, als viele mer ein klares Anfangs- und Endbild haben.“ Verlage zu zahlen bereit sind. Doch die Grundregeln fürs Filmen, die Björn Förster Gegenlicht meiden aufzählt, werten auch mit billigen Kameras Eine weitere Grundregel lautet, Gegenlicht gedrehte Videos auf. Denn schlechte Bilder und überhaupt zu große Lichtunterschie- können eine gute Geschichte verderben, de zu vermeiden. Da ist laut Björn Förster gibt er zu bedenken. Dazu gehören verwa- Mut gefragt, die Leute vor der Kamera zu ckelte Aufnahmen, weswegen er dringend dirigieren, sie in eine günstigere Position rät, das Stativ zu wählen oder nach einer zu bringen. Generell regt er an, beim Dreh Seite 15

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen fotografisch zu denken, verschiedene Blick- weiteren Hinweis, der auch beim Schnitt winkel auszuprobieren und auch mal mit bessere Möglichkeiten eröffnet. interessanten Nahaufnahmen zu experimen- Zur inhaltlichen Qualität eines Videos tieren. Das Ziel dabei ist, unterschiedliche gibt der Kameramann zu bedenken, dass Bilder zu sammeln, unter anderem dadurch, es einen Zusatznutzen gegenüber einem die Einstellungen zu wechseln. gedruckten Interview geben muss. Und er Die wichtigsten Einstellungsgrößen von weist auf eine Eigenheit von Videos hin: der (Super-) Totalen bis zur Detailaufnahme „Komplexe Themen sind nicht im Detail demonstriert Förster anhand von Fotos: Die darstellbar, die Komplexität wird reduziert.“ Totale zeigt möglichst viel: „Sie gibt dem Die bildbegleitenden Kommentartexte sind Zuschauer erstmal einen Einblick, damit er dazu da, zusätzliche Informationen zu sich orientieren kann“, erklärt er. Dagegen vermitteln und nicht dass zu erzählen, was geht die „Amerikanische Einstellung“ schon man sowieso schon sieht, sagt Förster – es näher ran – in Westernfilmen musste immer geht darum, die Aufmerksamkeit zu lenken. der Colt zu sehen sein, daher der Name. Die Eine weitere Warnung des Experten gilt der halbnahe Einstellung zeigt die Person bis „Text-Bild-Schere“: „Man sollte im Kommen- zur Hüfte, die nahe ab der Schulter aufwärts. tar nicht über Dinge reden, die gar nichts mit „Das ist die klassische O-Ton-Einstellung“, den Bildern zu tun haben.“ so Björn Förster. Die Großaufnahme und Um Videos mit Musik zu untermalen, rät das Detail schließlich kommen im journalis- Björn Förster zur Verwendung von Sounds, tischen Alltag seltener vor: Es entsteht eine die unter einer „Creative Commons“-Lizenz intime Distanz zum Gegenüber. stehen: oftmals angeboten von Bands, die ihre Musik in freier Lizenz anbieten. Auch die Ungewöhnliche Perspektiven Nutzung Gema-freier Musik kommt seiner Eher ungewöhnliche Bilder versprechen Erfahrung nach in Frage. Nicht immer muss auch Frosch- (von unten) und Vogelperspek- dazu eine teure CD erworben werden – ein- tive (von oben). Als Richtlinie für gute Bilder zelne Songs sind auch im Web über Musik- beschreibt der Berliner Videojournalist den datenbanken erwerbbar. schon aus der Antike bekannten „Goldenen Schnitt“, bei dem das Bild ideal proportio- Kontakt: niert wird und eine Teilung „ein Drittel zu Tel.: 0171 5441849 zwei Drittel“ erfährt. Diese Aufteilung emp- E-Mail: post@bjoernfoerster.de fiehlt Björn Förster auch für klassische Inter- viewbilder. Dabei sollen die Personen nicht aus dem Bild heraus sprechen, sondern es Z muss „Raum für deren Sprache geben“, wie UR PERSON sich Förster ausdrückt. Björn Förster Grundsätzlich dürfen Interviewpartner nicht 1977 in Berlin geboren; von direkt ins Bild gucken. „Das will man nicht, 1998 bis 2000 Ausbildung als weil die Kamera nur Beobachter des Ge- Mediengestalter Bild und Ton; sprächs ist.“ Es lässt sich in der Regel ver- danach selbstständiger freier meiden, wenn der Fragesteller gleich neben Kamera- und Tonmann. Tätig der Kamera positioniert wird, so der Tipp des für Industrie, Behörden, Initia- Experten. Durch Kameraposition und Licht tiven; Drehs für TV-Produktio- lässt sich der Befragte auch optisch vom nen sowie aktuelle Programme Hintergrund lösen. „Bei längeren Interviews der ARD wie „Tagesschau“ und sollte man die Einstellungsgrößen variieren „Tagesthemen“; filmische Ver- und wichtige Aussagen mit näheren Auf- anstaltungsdokumentationen. nahmen unterstreichen“, gibt Förster einen Seite 16

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen Michael Bechtel: Entwicklung von Web-Sprache braucht seine Zeit Optische Transparenz für hektische User „Multimediale Informationspakete“ als ideale Form von Crossmedia Die zentrale Botschaft steht gleich am Anfang seines Vortrags: „Was wir brau- chen, sind multimedial geschnürte Infor- mationspakete“, betont Michael Bechtel, freier Journalist und Texttrainer. Aller- dings beobachtet er derzeit eine „Nei- gung, das Thema Text zu unterschätzen“. Im Plenum schildert er, warum er eine „spezielle Art der Schreiberei“ für nötig hält und was dazugehört. „Seit Erfindung des Buchdrucks hat sich Sprache immer wieder verändert“, blickt er zunächst in die Vergangenheit der Zei- tung, um anschließend gleich nach vorn zu schauen: „Wir werden immer wieder neue Ausdrucksformen entwickeln.“ Die Wege zu einer guten Vermittlung von Inhalten im Netz sind für ihn durch die Printmedien vorgezeichnet: „Vieles können wir schon.“ Lernbedarf sieht Michael Bechtel im Hinblick auf sich ändernde Beziehungen zwischen am Schirm zu erleichtern: „Durchschnittlich einzelnen Elementen. So muss nicht immer braucht man am Bildschirm 10 bis 25 Pro- der Text im Mittelpunkt stehen, sondern er zent mehr Zeit, um einen Text zu erfassen.“ kann auch mal Mittel sein, um ein Video zu Außerdem bietet der Screen keinen Über- featuren und Hintergründe dazu zu liefern. blick über einen längeren Text. Unterhalb der Bildschirmkante liegende Inhalte haben Optische Transparenz fehlt laut Bechtel auch deshalb schlechte Chan- „Die Sprache im Web wird nicht am grünen cen gelesen zu werden, weil viele User Tisch entwickelt, sondern in der Praxis – und grundsätzlich nicht scrollen. das braucht seine Zeit“, stellt Bechtel fest. Als wichtig schildert er zudem, die Psy- Seinen Beobachtungen nach fehlt Texten chologie des Internet-Nutzers zu beachten: zudem häufig die „optische Transparenz“. „User sind hektisch und immer auf der Doch gerade bei langen Beiträgen benötigt Suche nach Informationen, ein Großteil der der Leser Hilfestellung. Die erhält er nicht Leser befindet sich auf der Durchreise“, so durch die exzessive Nutzung von Hypertext, der Schreibtrainer, „wenn sie aber etwas ge- der in den frühen Jahren der Diskussion funden haben, werden viele zu anspruchs- über Netzsprache die Hauptrolle zu spielen vollen Lesern, die auch umfangreiche Beiträ- schien. Der Schreibtrainer hält es für wichti- ge konsumieren.“ Und dieses Lesen findet ger, Texte klar zu gliedern, um so das Lesen durchaus am Bildschirm statt, während Seite 17

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen früher geglaubt wurde, das viele sich die der Klassen 6 bis 8 entspricht. In einem em- Artikel zunächst ausdrucken würden. pirischen Vergleichstest des „Swiss Usability Den geschilderten Problemen hält Michael Centers“ konnte die Leseleistung so um 135 Bechtel fünf Lösungen entgegen: Prozent gesteigert werden – und auch von 1. Textökonomie beachten, was in sinnvol- „Normalnutzern“ bekamen die Angebote lem Maß verknappte Texte bedeutet, die Traumnoten für ihre Verständlichkeit. sachlich knapp, in jedem Fall aber sprach- Ergänzend fügt Michael Bechtel hinzu, lich knapp sein sollten. dass Artikel erst dann wirklich zu Hypertext 2. Sprachliche Verständlichkeit, also in werden, wenn sie sich durch sinnvolle Links Wortschatz und Grammatik der Sprache mit ergänzenden Informationstexten verbin- einer möglichst großen Zahl von Usern den – und durch Verbindungen mit sinn- angepasst. vollen multimedialen Erweiterungen einen 3. Medienadäquate formale Textstruktur Mehrwert liefern. Seine für sprachzentrierte realisieren, womit kurze, möglichst modular Journalisten provokante Schlussbemerkung: gestaltete Abschnitte mit prägnanten und „In multimedialen Informationspaketen muss aussagekräftigen Überschriften gemeint Sprache keineswegs immer die Hauptrolle sind. Bechtel: „Man sollte Lesern die Mög- spielen, sondern kann sehr wohl hinter Bild, lichkeit geben, das Angebot zu überblicken Ton sowie Bewegtbild-Anteile zurücktreten und schnell Zugang zu Abschnitten eröffnen, und eine dienende Funktion übernehmen.“ die auf spezielles Interesse stoßen könnten.“ 4. Adäquate grafische Gestaltung, was Text Kontakt: und grafisches Design angeht. Tel.: 02224 9016836 5. Text sollte sinnvoll mit multimedialen E-Mail: info@michael-bechtel.de Elementen verklammert werden, die Ele- mente sollten sich strategisch aufeinander Link zur Studie des Swiss Usability Centers: beziehen. http://www.usability.ch/Alertbox/ 20050314.htm Sprache optimieren „Texte, die alle diese Forderungen glei- chermaßen verwirklichen, gibt es bisher kaum“, tröstet Michael Bechtel. Die Regeln zur Optimierung von Sprache setzt er als bekannt voraus: keine Fremdwörter, klare Z kurze Sätze, geringe Informationsdichte UR PERSON – was heißt, die Sätze nicht mit Fakten zu Michael Bechtel überfrachten. Als wichtiges strukturierendes Der 1949 geborene freie Jour- Element hebt er Zwischentitel hervor: nicht nalist betreibt das Redakti- solche feuilletonistischer Art, sondern derge- onsbüro „QualityNews“ in Bad stalt, dass sie den Lesern mitteilen, was sie Honnef bei Bonn. Texter für in den nächsten Zeilen erwartet. Die Absätze Unternehmenspublikationen sollten außerdem kurz sein und mit Leerzei- von Firmen wie Aral, Ford und len voneinander abgesetzt werden. TÜV Rheinland, außerdem Aufmerksamkeit lenkt Bechtel zudem auf für Verbände und Behörden; die „Usability“-Strategie der kommerziellen Schreibtrainings im Auftrag Konkurrenz großer Internetfirmen, bei der renommierter Seminarveran- es um die Optimierung von Webseiten für stalter; langjähriger Dozent leseschwache Benutzer geht. Im Sinne der im Bereich journalistisches Usability sollen Webseiten so formuliert Handwerk. werden, dass die Inhalte dem Sprachniveau Seite 18

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen Verleger Urs Gossweiler und sein Modell der „Mikrozeitung“ „Die Größe haben, klein zu sein“ Die Schweizer „Jungfrau Zeitung“ setzt konsequent auf Lokales Zwischen grandiosen Ber- gen an einem herrlichen See liegt der Ort Interlaken in der Schweiz. Und so einmalig wie die Natur mutet auch das Modell der „Jungfrau Zeitung“ an: Sie erscheint rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr online im Internet. Nur zweimal in der Woche gibt´s dagegen die gedruckte Zeitung. Wie das alles funktioniert, berichtet Urs Gossweiler, Verleger und Interims-Chefredakteur des Exoten aus den Bergen. „Sie haben es mit einem sehr konservativen Menschen zu tun“, stellt sich Urs Gossweiler im Plenum vor – „Mikrokosmos Jungfrau“ die klare Nummer augenzwinkernd, wie überhaupt sein Vortrag 1 sein. Aus 29 Gemeinden mit rund 45.000 zeitweise an die Qualität eines Kabarettpro- Einwohnern besteht dieser Mikrokosmos gramms heranreicht. Gepaart mit viel Fach- mitten in den Schweizer Alpen. „Vier Ge- kompetenz präsentiert er eine große Portion meinden halten sich für wichtiger, weshalb Selbstironie. So platziert er die Jungfrau wir dort auch mit Redaktionen vertreten Zeitung in einer Reihe mit der „International sind“, beschreibt der 37-Jährige und erklärt Herald Tribune“ und dem „Spiegel“: weil alle gleich die Herkunft des Namens: Die Zei- drei Blätter seiner Auffassung nach die gol- tung wurde nach dem höchsten Berg um dene Regel erfolgreichen Zeitungmachens Interlaken benannt, der über 4000 Meter umsetzen, nämlich Publizistik, Werbung und hohen „Jungfrau“: „Mit dem Namen fällt man Nutzer perfekt unter einen Hut zu bringen. jedenfalls schonmal auf.“ Die Tribune agiert konsequent global, der Spiegel vorwiegend national und die Online an erster Stelle Jungfrau Zeitung lokal. Dazwischen gibt es Aber auch mit dem Konzept: „Online ist bei für Urs Gossweiler keine überzeugenden uns das absolut Wichtigste“, hebt Gosswei- Modelle. „Die regionale Tageszeitung mit ler hervor, „die Redaktionen sind das ganze überregionalem Anspruch und dem Lokalteil Jahr über von 8 bis 20 Uhr besetzt, bei im fünften Buch hat keine Zukunft“, zeigt besonderen Ereignissen bis 24 Uhr.“ Wobei sich der Verleger überzeugt. Sein Credo: ein solches Ereignis auch ein Amateur- „Man muss die Größe haben, klein zu sein.“ Eishockeyspiel sein kann, das um 23 Uhr Deshalb will er auch ausschließlich im abgepfiffen wird und sich schon eine Stunde Seite 19

Modellseminar: Erfolg auf allen Kanälen später im Web nacherleben lässt: anhand wird, geht eben auf eine andere Website“, von Text, Fotos und bewegten Bildern. Urs bleibt der Verleger gelassen. Motto: „Man Gossweiler gibt zu, dass es sich dabei um muss nicht alles machen, fürs Überregionale ein „Extrembeispiel“ handelt: „Dieser Re- gibt es andere Kanäle.“ dakteur schafft das, weil er es will und weil Auch bei den kommerziellen Angeboten er sonst Druck von einigen Kollegen be- pflegt das Medienhaus seine Strategie „Web kommt, die Eishockeyfans sind.“ Eins steht first“. Bei der Anzeigen-Schaltung wird kein aber für die gesamte Belegschaft fest: Sie Unterschied gemacht zwischen Online und pflegt einen permanenten Newsfluss und Print: „Die Kunden werben in der Jungfrau gibt aktuelle Ereignisse umgehend an die Zeitung insgesamt.“ Und das Blatt schafft Leser weiter, die nur fürs Abo des gedruck- kostenlosen Zusatznutzen, etwa mit dem ten Blatts zahlen, das ca. 90 Euro pro Jahr „virtuellen Friedhof“ im Netz, laut Gossweiler kostet. 30.000 Nutzer zählt die Jungfrau „ein riesiger Knüller: Richtige Grabsteine Zeitung, davon beziehen 67 Prozent zusätz- sind nach 25 Jahren weg, wir bieten 50 lich die Printausgabe. Die erscheint in einem Jahre.“ Wer auf den virtuellen Grabstein Umfang von 32 Seiten jeweils dienstags und klickt, findet dahinter sämtliche Anzeigen freitags, ergänzt um Supplements. „Der Um- der Familie und Fotos des Verstorbenen, bruch ist relativ schnell erledigt“, berichtet zusammengefasst in Dossiers. Urs Gossweiler, „innerhalb von sechs Stun- Angesichts von 88 Prozent an zusätzli- den produziert ein Redakteur 20 Seiten.“ chen Erlösen in der jüngsten Vergangenheit wundert das Fazit des Verlegers nicht: „Gebt Zeitungmachen ohne Mühe das ganze Geld ins Lokale!“, lautet seine Die Online-Zeitung bereitet dagegen offen- Botschaft, „das Lokalressort wird alles über- bar gar keine Mühe, „die Site fällt einfach leben.“ Exklusive lokale Inhalte in kleinen hinten raus“, wie sich der Verleger ausdrückt Einheiten, den „Mikrozeitungen“, publizieren – als „Abfallprodukt des Workflows“. Der und das Internet als Basis aller Tätigkeiten sieht so aus, dass sich die Redakteure über nutzen – so stellt sich Urs Gossweiler die er- einen Browser ins System einloggen, dort folgreiche Zukunft vor. „Sonst kommt Google die wichtigsten internen Meldungen lesen, local und schnappt Euch Eure Anzeigen- sich einen Überblick über Termine verschaf- märkte weg – da müsst´s aufpassen!“ fen sowie dort ihre Texte, Fotos und Videos einfügen und per Knopfdruck publizieren. Kontakt: Die 30.000 User lesen aufmerksam und Tel.: +41 33 952 13 60 melden auch Fehler. „Wir haben also 30.000 E-Mail: urs@mountain.ch Korrektoren, was die Qualität der Printaus- gabe noch erhöht“, freut sich Urs Gosswei- ler, der fortfährt: „Es ist viel einfacher, aus der Online-Version eine Printausgabe zu Z UR PERSON Urs Gossweiler 1971 in Unterseen bei In- fertigen als umgekehrt.“ terlaken geboren; Lehre als Da die 1875 gegründete Jungfrau Zeitung Schriftsetzer in einer Zei- komplett lokal ausgerichtet ist, hat sie auch tungsdruckerei; übernimmt keine Nachrichtenagentur abonniert. „Wir nach dem frühen Tod des produzieren exklusive Stories, alle unsere Vaters 1993 mit 22 Jahren als Ressorts sind lokal bestimmt“, betont der Verleger die Gossweiler

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